Kultur : Exil mit Stil

Frank Dietschreit

Vor zwanzig Jahren waren "Die singende Kommissarin und ihre swingenden Vopos" Kult. Doch heute sitzt die "singende Kommissarin", die im bürgerlichen Leben Frau Bergfeld heißt und früher mit Liedern wie "Dobermännchen", "Bauaufsicht" und "Metzger im Urlaub" die Herzen ihrer Fans eroberte, vergessen und verlassen in ihrer Polizeiwache, Abschnitt 32. Es ist Silvester in Berlin, und die Radio-Redaktion von "Ohr vor Ort" hat das schäbige Dienstzimmer der Kommissarin mit Mikrofonen bestückt. So kann man überall in der Stadt mit anhören, was sich in einer nicht enden wollenden Nacht bei der am Dienst-Telefon hockenden Polizistin ereignet. Oder besser nicht ereignet. Denn außer einem herrenlosen Kopf im Wasserbecken des Ernst-Reuter-Platzes findet sich kaum etwas nennenswert Kriminelles und Berichtenswertes. Also kommt die Kommissarin ins Erzählen. Ins Grübeln. Ins Träumen. Spricht, ganz unsentimental und lakonisch, von ihren Sehnsüchten und Ängsten, ihrer Einsamkeit und ihrer Hassliebe zu Berlin.

Da dürfte es der "singenden Kommissarin" so ähnlich gehen wie ihrem Schöpfer Matthias Zschokke. Seit über zwanzig Jahren lebt der 1954 in Bern geborene Schweizer Autor nun schon in Berlin. Hierher gekommen ist er 1980, nachdem er ein paar Jahre erfolglos bei Peter Zadek in Bochum das Bühnenleben ausprobiert hatte: "Ich war einfach ein schlechter Schauspieler", so die schlichte Selbsterkenntnis, die Zschokke wie alles, was er sagt, mit leicht ironischem Unterton und schweizerischem Singsang aus dem Mund purzelt.

Er ist ein bisschen nervös. Nicht nur, weil "Die singende Kommissarin" in ein paar Tagen im Renaissance-Theater uraufgeführt wird und er "keine Ahnung" hat, wie Kay Neumanns Inszenierung aussehen wird. Nervös ist er auch, weil er einfach zu viele Jahre "wie ein Exilant gelebt hat, nicht integriert, nicht angekommen war in Berlin". Interviews hat er meistens "rigoros abgelehnt". Das Resultat der freiwilligen Verweigerung des öffentlichen Palavers: Obwohl er nach Romanen wie "Max" und "Das lose Glück", Filmen wie "Edvige Scimitt" und "Erhöhte Waldbrandgefahr" und Theaterstücken wie "Brut" und "Die Alphabeten" immer wieder von den Feuilletons gestreichelt wurde, gehört er in Berlin nicht dazu. Einem größeren Publikum ist Zschokke, der sich immer wieder gegen jeden Trend stemmt und jetzt einen ebenso vertrackten wie bizarren Bühnen-Text aufs Papier gezaubert hat, eher unbekannt geblieben. Ob das an seiner doppelbödigen Sprache, seinen komplexen Themen oder einfach nur an seinem stillen Wesen liegt? "An allen drei Dingen", lächelt Zschokke verschmitzt und fügt hinzu: "Außerdem finde ich es lächerlich, etwas zum Mauerfall oder zum 11. September zu sagen."

Matthias Zschokke findet "Literatur nur interessant, wenn es Literatur pur ist. Sie muss nichts bezwecken, sondern kann ganz für sich stehen. Ich mag es einfach, wenn ein Satz stimmt und ich den richtigen Ton treffe." Bei seiner literarischen Schatzsuche trifft er dann immer wieder auf dieselben Menschen: zerfranste, vereinzelte, glücklose Existenzen und Plappermäuler, Menschen wie die "singende Kommissarin", die ihrem Erfinder "sehr nah steht".

Bei der Lesung auf dem Theatertreffen-"Stückemarkt" im vergangenen Mai war Christine Schorn eine wunderbar flunschige, nölende "singende Kommissarin". Mit zeternder Stimme stellte sie sich dümmer als sie ist, machte lange, sprechende Pausen, lotete die erst so leicht und amüsant erscheinende, später so abgrundtief verzweifelt und melancholisch daher kommende Lebensbeichte einer nur noch in ihrer Fantasiewelt herum irrenden Frau facettenreich aus. Eigentlich schwer vorstellbar, dass die so erfolgreiche "Marlene"-Darstellerin Judy Winter, die jetzt im Renaissance-Theater die "Singende Kommissarin" spielen wird, von der großen Diva zur kleinen Plaudertasche werden kann. Auch Matthias Zschokke weiß nicht, ob das gelingt. Er weiß nur, dass Judy Winter die Rolle unbedingt spielen wollte. Wenn sie seinem Ideal nahe kommt, das er "Buster-Keaton-Komik" nennt ("mit todernstem Gesicht witzig sein"), wäre es gut. Und wenn nicht? Dann auch. "Denn das Renaissance-Theater riskiert wenigstens etwas."

Das stimmt natürlich nur halb. Denn Zschokkes Stück ist eine wahre Bühnen-Wundertüte und Judy Winter sowieso ein Publikumsmagnet. Außerdem hat das Renaissance-Theater, seit Horst-H. Filohn es im August 1995 übernahm, eine kleine Erfolgsstory geschrieben. Die Auslastung ist, nicht zuletzt weil einige der alten Schaubühnen-Stars wie Udo Samel, Gerd Wameling und Peter Simonischek mit ihrem "Kunst"-Stücken hier aufspielen, kontinuierlich von 45 auf 86 Prozent gestiegen. Der Zuschuss des Landes Berlin ist in den vergangenen Jahren aber gesunken. Er lag in der Spielzeit 1999 / 2000 nur noch bei 28 Euro pro Besucher. Beim Schloßpark-Theater, dem demnächst wegen künstlerischer Belanglosigkeit die staatlichen Zuschüsse gestrichen werden sollen, legt der Senat immerhin 47 Euro auf jeden Besucher-Sitz.

Doch das manchmal belächelte Renaissance-Theater schlägt sich nicht schlecht in der Berliner Theaterlandschaft. Neben "Marlene" gibt es immer mal wieder die erfolgreichen Inszenierungen von "Das Atelier" und "Drei mal Leben", "Kunst" und "Kopenhagen" zu sehen, und für den März ist eine mit Mario Adorf und Ilse Ritter hochkarätig besetzte Inszenierung von Yasmina Rezas "Der Mann des Zufalls" angekündigt. Ob "Die singende Kommissarin" bis dahin durchhält? Für Zschokke wäre es ein Geschenk des Himmels. Dann könnte er bis zum Ende des Jahres ziemlich sorgenfrei das tun, was er am liebsten macht: am Schreibtisch sitzen und seinen redseligen Zauberwesen und traurigen Komödianten Gestalt geben, die manchmal so wirken, als würden sie Becketts Endspielen entstammen.

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