Kultur : Expedition Berlinska

Polen (1): Das Kulturfestival „Terra Polska!“ entdeckt die Avantgarde der Nachbarn

Oliver Heilwagen

Sie sind fast unsichtbar, obwohl sie zahlreich sind. Dass rund 130000 Polen in Berlin wohnen, fällt den übrigen Hauptstädtern selten auf. Im Unterschied zu den anderen großen Immigrantengruppen aus Russland und der Türkei betreiben die polnischen Berliner Mimikry: Sie lassen sich verstreut im Stadtgebiet nieder, lernen meist schnell ein akzentfreies Deutsch und integrieren sich ins Erwerbsleben, so gut es geht. Für nostalgisches Zelebrieren ihrer nationalen Eigenheiten fehlt ihnen die Motivation: Polen, die Heimweh haben, müssen nur eine Stunde bis zur Grenze fahren.

Schon nach den Schlesischen Kriegen und der Reichseinigung strömten Hunderttausende Polen in die Stadt. Bereits ihren Kindern merkte man die Herkunft, von der komplizierten Schreibweise ihrer Nachnamen abgesehen, nicht mehr an. Die einzige polnische Invasion, die als solche wahrgenommen wurde, geschah 1989: Tausende, die eine Hyperinflation in ihrer Heimat um Einkommen und Ersparnisse gebracht hatte, verscherbelten damals ihre Habe auf der öden Freifläche gegenüber der Staatsbibliothek.

Dieser Polenmarkt hatte sein wesentlich größeres Pendant in Warschau: Vor dem Kulturpalast war das gesamte Aldi-Sortiment erhältlich, das Händler aus Berlin mitbrachten. Heute ist der größte Freiluftbasar der polnischen Hauptstadt fest in russischer Hand, während die grenznahen Märkte an der Oder wegen gestiegener Preise unter Käuferschwund leiden. Eine Woche vor dem EU-Beitritt am 1. Mai lässt die Kulturbrauerei den historischen Polenmarkt wieder aufleben: Natürlich mit mannshohen Gartenzwergen und Weidenkörben, aber auch mit Puppentheater und Live-Musik. Denn das Festival „Terra Polska!“, das heute in der Kulturbrauerei beginnt, bietet sechs Tage lang Gelegenheit, rund 200 Künstler und Kulturschaffende zu entdecken. Viele von ihnen entstammen der alternativen Kulturszene.

Die zeugt von einer erstarkten Eigenständigkeit. Auch Polens Popmusiker imitieren immer weniger westliche Stars. Bildende Künstler, Schriftsteller und Filmemacher hatten Derartiges sowieso nie nötig. Stattdessen vermengen Polens Kreative zwanglos weltweit gängige Standards mit lokalen Einflüssen zu mundgerechten Mixturen, die so landestypisch wie exportfähig sind. Die „Warsaw Village Band“ etwa sieht auf den ersten Blick wie eine anachronistische Hippie-Musikerkommune à la Amon Düül oder Magma in den Siebzigern aus. Doch ihre Percussionsorgien und Folk-Melodien werden von Sängerinnen dominiert, deren helle Stimmen an bulgarische Frauenchöre erinnern und jederzeit die World-Music-Charts knacken könnten.

Ebenso das irrwitzige „Motion Trio", das sich mit Mopedhelmen und Schutzbrillen ablichten lässt: Seine Mitglieder entlocken ihren Akkordeons mal filigrane Klangmalereien, mal opulenten Orchester-Sound. Ihre Stücke irrlichtern irgendwo im Niemandsland zwischen dem ambitionierten Tango eines Astor Piazolla und der minimal music von Phil Glass umher. Beim unbefangenen Umarrangieren geläufiger Tonfolgen scheint es auch eine geheime Verbindung unter der Ostsee zwischen Polen und Finnland zu geben. Passenderweise haben die Festivalveranstalter auch „Eläkeläiset“ eingeladen. Das finnische Quartett verwandelt seit Jahren erfolgreich Gassenhauer aus den Top Ten in brachiale Polkanummern, die es „Humppa Musik“ nennt. Auf Finnisch gesungen, werden nervtötende Ohrwürmer plötzlich zu Tanzbodenfegern mit schrägem Wiedererkennungswert. Neben Keyboards spielt das Akkordeon auch bei „Eläikeläiset“ eine tragende Rolle.

Technisch versierter Umgang mit althergebrachten Instrumenten, die im Pop-Kontext aber exotisch klingen, ist ebenfalls ein Markenzeichen der polnischen Szene. So setzen „Ras Dwa Trzy“ gerne Oboen ein und verzichten häufig auf elektronische Verstärkung. Ihrer Beliebtheit tut das keinen Abbruch: Man schätzt sie wegen ihrer romantisch-poetischen Verse in der Tradition slawischer Liedermacher wie Bulat Okudschawa oder Wladimir Wyssotzki.

Paradoxerweise werden es aber die in Polen populärsten Bands wie „Ras Dwa Trzy“ oder „Kult“ am schwersten haben, beim deutschen Publikum anzukommen: Ihre Songs sind textlastig und stilistisch unentschieden. Dagegen dürften „Robotobibok“ aus Breslau mit ihren verhalten groovenden Ethno-Jazz-Instrumentals allen Lounge-Compilation-Liebhabern gefallen. Auch der entspannt mit den Fingern schnippende Midtempo-Hip Hop von „Fisz“ aus Danzig ist für westliche Ohren sofort kompatibel. Und der Techno-DJ Jacek Sienkiewicz veröffentlicht seine Tracks ohnehin auf Sven Väths Cocoon-Label.

Die Sprachbarriere überwunden hat auch Dorota Maslowska, das Wunderkind des polnischen Literaturbetriebs. Ihr Debütroman war der Überraschungserfolg der vergangenen Saison; er ist unter dem Titel „Schneeweiß und Russenrot“ nun auf Deutsch erschienen. In krudem Alltagsjargon erzählt die 22-Jährige die wüste Geschichte einer Vorstadt-Jugend zwischen Plattenbauten, Drogendealern und Junk Sex.

In der Kulturbrauerei lesen ihre Autorenkollegen, Theatertruppen spielen neue Stücke und das Babylon zeigt polnische Filme. Alle diese Arbeiten sind stark vom innerpolnischen Kulturkosmos geprägt. Wer das nötige Vorwissen erwerben möchte, kann auf der Stadtrundfahrt „Expedition Berlinska“ lernen, vertraute Orte mit polnischen Augen zu sehen. So kann man auch die unsichtbaren Einwanderer entdecken.

„Terra Polska“ ab heute in der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee36), im Kino Babylon (Rosa-Luxemburg-Str.30) und in der Galerie Zero (Köpenicker Str. 4). Noch bis 25.4.. Programm: www.terrapolska.de

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