Kultur : Experimente gehören in die Badewanne

Fünf Tage Freie Musik in der Akademie der Künste

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Wegbereiter. Ohne John Cage, dem Berlins Akademie der Künste zwischen 99. und 100. Geburtstag eine Reihe widmet, ist die Freie Musik undenkbar. Foto: Christopher Felver/AdK
Wegbereiter. Ohne John Cage, dem Berlins Akademie der Künste zwischen 99. und 100. Geburtstag eine Reihe widmet, ist die Freie...

Die Freie Musik ist bei Veranstaltern kaum mehr gefragt und wird somit kaum mehr an eine neue Generation weitergegeben. Dass aber Bedarf und Interesse besteht, zeigte sich an der großen Teilnehmerzahl des „Workshops Freie Musik“ im Rahmen des John-Cage-Jahrs an der Akademie der Künste. Unter Leitung von Peter Brötzmanns Trio Full Blast mit Marino Pliakas und Michael Wertmüller kamen 30 Musiker aus In- und Ausland, Professionelle und Laien aus Jazz, klassischer Musik und Elektronik, zudem der Musik-Leistungskurs eines Berliner Gymnasiums an den Hanseatenweg. Einzige Teilnahmevoraussetzung: fortgeschrittenes Können.

Doch was genau ist Freie Musik? „Kann mir einer sagen, was diese Scheiße soll?“ ruft Peter Brötzmann aus einer Ecke des John-Cage-Raums am Ende eines Beitrags. Erstaunte Blicke von den beiden Teilnehmern, die gerade ihr experimentelles Vokalstück zu Ende gejault haben. Einige Zuhörer sind erleichtert über den Eingriff des Meisters, andere perplex: Das sei doch Geschmackssache, zudem gebe es in der Freien Musik weder Regeln noch Grenzen. Oder? Offensichtlich muss erst Klarheit über den Begriff „Freiheit“ in der Freien Musik geschaffen werden. Kein leichtes Unterfangen in fünf Tagen.

Jazzsaxophon-Legende Brötzmann und seine Trio-Partner versuchen verständlich zu machen, dass Freie Musik eben nicht mit „alles geht“ gleichzusetzen sei. Auf der Bühne solle man dem Publikum etwas mitzuteilen haben. Experimente gehörten in die Badewanne, so Brötzmann. Harte, aber notwendige Worte, um ein Ausufern ins Willkürliche zu unterbinden.

Brötzmann, Pliakas und Wertmüller arbeiten geschickt mit den Teilnehmern, schaffen neue Konstellationen, lassen Musiker unterschiedlicher Stilrichtungen und Eigenschaften voneinander lernen. So finden sich kongeniale Gruppen zusammen, die abends in den öffentlichen Sessions gemeinsam auftreten und mitunter auch weiterhin miteinander spielen werden. In dieser Hinsicht erfüllt der Workshop gewiss ein Desiderat: Partner zu finden, mit denen man sich musikalisch weiterentwickeln kann, ist ebenso entscheidend wie schwierig. Dafür ist Full Blasts gewaltiger Auftritt bei der letzten Session das beste Beispiel. Dass sich das Trio auch bei halsbrecherischen Tempi flexibel und frei verständigen kann, ist aber nicht allein auf gute Chemie zurückzuführen, sondern auch auf Meisterschaft. So empfindet Wertmüller musikalische Freiheit als die technische Fähigkeit, das aussagen zu können, was man ausdrücken will.

Die abendlichen Sessions bieten eine Serie von Höhepunkten. Alles, was Rang und Namen hat in der freien Musikszene Berlins, kommt und spielt spontane Sets: Olaf Rupp, Johannes Bauer, Kalle Kalima und nicht zuletzt Alexander von Schlippenbach, wie Brötzmann einer der Protagonisten der ersten Stunde, etwa in heute legendären Veranstaltungen wie dem „Total Music Meeting“ oder eben dem „Workshop Freie Musik“. Die beiden zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder zusammenspielen zu hören, berührt einen sehr. Und für die Teilnehmer bieten die Sessions die Gelegenheit, mit großen Figuren der Freien Musik zusammenzuspielen. Viele wachsen dabei über sich hinaus.

So herrschte am Hanseatenweg fünf Abende lang eine Stimmung, an die wohl alle wehmütig zurückdenken werden. Wohin würde sich diese Musik entwickeln, wenn sie wieder einen Nährboden hätte? Zukunftsorientierte Gespräche im Rahmen des Workshops hinterließen aber vorwiegend Ratlosigkeit. Ist Tonalität in der Freien Musik tabu? Muss Freie Musik immer so klingen, wie man sie kennt? Brötzmanns persönliche Antwort: eine simple, melancholische Melodie zum Abschluss des furiosen letzten Sets am letzten Abend. Barbara Eckle

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