Kultur : Explosionen in Zeitlupe

Die Mischung macht’s: Gemälde und Zeichnungen von Julie Mehretu in der Galerie Carlier Gebauer

Peter Herbstreuth

Die Folgen des französischen Feldzugs nach Ägypten beförderten nicht nur den Orientalismus, sondern auch die Idee der Weltliteratur. „Das Nationale will jetzt nicht viel sagen“, ließ Goethe 1827 seinen Sekretär notieren. „Die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“ Mittlerweile scheint sich diese Idee vor allem in den bildenden Künste und der Musik durchgesetzt zu haben. Und der Kunstbetrieb des Westens spielt dabei eine prominente Rolle.

Zu den jüngsten Entdeckungen multikultureller Herkunft zählt die 1979 geborene Künstlerin Julie Mehretu, die nach einem Solo bei Jay Joplin in London nun in der Berliner Galerie Carlier Gebauer eine grandiose Ausstellung bestreitet. Je transnationaler die Familie, so lautet offenbar eine neue Regel des Betriebssystems, desto vorteilhafter der Einstieg der Kinder ins Biennale-Business. Gesucht werden künstlerisch begabte Äquivalente zu Wollmilchkälbern aus außereuropäischen Ländern, die in white cubes multikulturelle Eier legen. Der Hang zum Exotisierenden heißt nun nicht Orientalismus, sondern Kultur des Hybriden oder Nomadischen. Die mobile Mischung macht’s. Und der Markt liegt nach wie vor im Okzident, wo die zeitlich und räumlich fernste Herkunft der Künstler gerne hervorgehoben wird. Gemessen daran, bliebe Andy Warhol ein Künstler aus Polen und Mark Rothko immer lettischer Russe. Wer bislang meinte, die Herkunft von Migrantenkindern sei nur für Biografen von Belang, muss nun die Lektionen des neuen Biografismus lernen. Die Herkunft erscheint im kulturpolitischen Kleid als Steigerung des Individuellen und das Fremde als reizender Akzent.

Junge Diva oder Gender-Luder?

Julie Mehretu setzt ihre Genealogie und häufigen Ortswechsel wortreich und zitatenprall selbst in Szene. Und schon halten Kritiker Mehretus „Ethnizität“ für den Schlüssel, um das malerische Werk zu beschreiben. Die Widerspiegelungstheorie, die man in der Literaturkritik ausrangiert hat, feiert in der Kunstkritik mit multikulturellen Helden ein Revival. Mehretu kann dabei als junge Diva oder Gender-Luder gelten. „Ich liebe es, wenn alle visuellen Elemente wie bei Landkarten oder Architekturplänen in eine Struktur passen. Dabei bildet sich auch ab, wer ich bin“, sagt sie. „Meine Vorfahren stammen aus ziemlich gegensätzlichen Ethnien: Franzosen, Engländer, polnische Juden, Amharen und Eriträer – und irgendwie kamen alle zusammen, um mich auf die Welt zu bringen.“

Als Siebenjährige emigrierte sie mit ihren Eltern aus Äthiopien in den Senegal, studierte Kunst in Dakar, dann in Chicago und Rhode Island. Sie ist viel gereist und aus weltläufigem Haus. Und so wie es Musiker gibt, die verschiedene Traditionen und Stile zu einem Mix ineinander blenden, so hat Mehretu einen Mix der Traditionen zu Signalen und Reizworten verschnitten: jedes Bild ein Konglomerat aus Architektur-, Kunst und Designgeschichte seit Malewitsch (10000 bis 85000 Euro). Schaut man in das Geflecht hinein, sieht man eine Explosion in Zeitlupe. Was explodiert? Vielleicht der Supermarkt der Postmoderne.

Sprudelnde Wundertüte

Hält man die mental maps des Berliner Malers Franz Ackermann daneben, erkennt man Bruder und Schwester im Geiste. Auch er lässt Postkartenansichten des globalen Architekturkanons durch Farben schweben. Aber während Ackermann ein balanciertes Nebeneinander der Elemente mit Anleihen aus der Pop-Art inszeniert und alles mit allem verbindet, schießen bei Mehretu alle Zeichen unter-, übereinander aus Zentren heraus. Alles strebt auseinander. Die Welt der Zeichen erscheint als sprudelnde Wundertüte, alles überbordender Überfluss. Und wollte man die Matrix finden, die ihre Formen generiert und alle Details freisetzt, so fände man sie in Mallarmés „Würfelwurf“, Brétons „automatischem Schreiben“, Baudrillards „freifließenden Signifikanten“. Denn die Bilder wollen nicht nur mit Zeichenmassen, sondern auch mit Bildungsgut verblüffen. Wohl keine andere Künstlerin lässt in Interviews in kurzer Zeit so viele Namen von Geistesheroen fallen. Sie will sich beweisen. Das Werk ist jung. Man weiß nicht, ob die vibrierenden Zeichen extensiv wie Hagel niedergehen oder umgekehrt bald in einem Bermudadreieck verschluckt werden. „Die Dezentralisierungen ermöglichen eine andere Art des Schauens und der Aneignung“, sagt sie. Aus Traditionen werden ortlose Signale, ein International Style beschleunigter Entleerung. Der Blick von Außen, so sieht es die Berliner Schriftstellerin Iris Hanika, erkennt eine andere Schönheit. Und Künstlern aller Sparten ist es gegeben, die Qualitäten des Fremden in akzeptierte Werke zu verwandeln.

Galerie Carlier Gebauer, Holzmarktstraße 15–18, bis 20. März; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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