Kultur : Expo 2000: Ein Planet schwebt für die Weltausstellung

Bernhard Schulz

Er habe noch nie "einen Planeten erleuchtet", scherzt James Turrell. Der 56-jährige Kalifornier, vom Bertelsmann-Expo-Beauftragten Bauer als "berühmtester Lichtkünstler der Welt" vorgestellt, zeigt sich im Gespräch gänzlich uneitel. Für ihn ist der Auftrag des Mediengiganten, den konzerneigenen Pavillon "Planet m" auf dem Hannoverschen Expo-Gelände - 46 mal 36 Meter in der Ausdehnung und maximal 26 Meter hoch, entworfen von Triad Architekten / Karl Karau - in farbiges Licht zu tauchen, die willkommene Gelegenheit zu einem in seinem bisherigen Oeuvre ohne Vorbild dastehenden Werk; nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ihn interessiert an diesem regnerischen Abend, ob seine Lichtprogrammierung funktioniert. Im Blick auf die wechselnden Farben ist er so kritisch, wie ein Profi nur sein kann. "Licht kann nicht im Modell erprobt werden", bemerkt Turrell nebenbei, "man muss es 1: 1 machen."

Der Bau eines Wahrnehmungsraums

James Turrell, das stimmt, darf als der herausragende Lichtkünstler unserer Zeit angesprochen werden. Er inszeniert nicht etwa mit Licht, er bildet Raum vermittels Licht, macht Licht zur gegenständlich erfahrbaren Größe. Dabei kann es sich um das natürliche Licht des Himmels ebenso handeln wie um das künstliche aus Lampen, Strahlern oder was immer er verwendet. Den offenen Himmel begrenzt er durch einen Deckenausschnitt, der dem betreffenden Raum eine vollkommen plan erscheinende Farbfläche hinzufügt, eine monochrome Deckenmalerei, die sich unter dem Spiel der Wolken beständig wandelt. Die Gelegenheit der besonderen Lichtphänomene einer Sonnenfinsternis hat Turrell, seit Jahrzehnten im menschenleeren Arizona ansässig, am 11. August 1999 mit dem Bau eines millimetergenau ausgerichteten "Wahrnehmungsraumes" im Südwesten von Cornwall ergriffen.

Den Wandel steuern kann Turrell in Räumen mit künstlichem Licht. Dabei arbeitet er sowohl mit unvorstellbar winzigen Lichtmengen ähnlich einem gerade noch hörbaren pianissimo als auch mit feinsten Übergängen von einer zur anderen - im Lichtspektrum benachbarten - Farbe. Auf einen schnellen Blick sind seine Installationen nicht zu erfassen. Die lichtärmsten Arbeiten erfordern minutenlanges Eingewöhnen des Betrachters, während derer er zunächst hilflos zu seinem festgelegten Standort taumelt, ehe er dieser mit keiner Malerei zu erzielenden Leuchtfläche inne werden kann. Licht ist unsichtbar. Aber Turrell gelingt es, seiner Materialisierung soweit als nur irgend denkbar nahe zu kommen, dem Licht zur Erscheinung seiner selbst zu verhelfen.

Das ist nun beim "Planeten m" ganz anders. Bisweilen hat Turrell bereits mit Installationen in gebauter Architektur gearbeitet; so hat er den Milchglasfassaden des Kunsthauses Bregenz durch dahinter liegende, wie üblich mit Farbwandlern bestückte Strahler die Erscheinung eines in den Spektralfarben sanft erglühenden Kristalls gegeben. In Leipzig hat er dem Bürohaus in einem Industriegebiet eine kräftige, gleichfalls wechselnde Farbigkeit verliehen.

So wollten es auch die Bertelsmänner: dass ihr ovales Ufo auf seinen stählernen Stelzen des Nachts so richtig schön strahle. Turrell akzeptierte den Auftrag - aber man spürt, dass er für ihn an der künstlerischen Grenze seines strengen Tuns angesiedelt ist. Einerlei, nun steht die unter Kunstfreunden bis zur Verehrung angewachsene Reputation auf dem Prüfstand. Kompromisse darf Turrell nicht eingehen. Die Leuchten auf der benachbarten Fußgängerbrücke über den Messeschnellweg beeinträchtigen mit ihrem ordinären Weißlicht den subtilen Ablauf der insgesamt zwei Dutzend "Lichtstimmungen", zu denen Turrell das Zusammenspiel der insgesamt 880 teils außen, teils direkt am "Planeten" angebrachten Strahler orchestriert hat. Da besteht noch Handlungsbedarf, soll es nicht zur störenden Konkurrenz der Lichtquellen kommen wie in einer abendlichen Einkaufszone.

Der stählerne Bau ist mit einem Maschengewebe aus Edelstahl umhüllt. Zwischen dem eigentlichen Körper und diesem gewebe sind die innen liegenden Strahler angebracht, während der "Planet" außen von Lichtmasten umstellt ist. Hi-tech? Turrell verneint: Er verwende nur Material, das es überall im Handel zu kaufen gebe. Insgesamt ist die "Planeten"-Hülle in 22 Abschnitte eingeteilt, zwischen denen das farbige Licht zu wandern scheint, um ihm jene flirrende Ungreifbarkeit zu geben, die schon das spektralfarbige Logo der Bertelsmann-Expo-Präsentation ankündigt. Und tatsächlich, wenn erst einmal die Nacht hereingebrochen ist, beginnt der Medienplanet als ein Lichtkörper im Raum zu schweben.

Hannover ist ein gutes Pflaster für Turrell. Das Sprengel-Museum hat einen ganzen Raum mit Installationen in seiner Dauerausstellung, zudem sammelt das Haus seine grafischen Arbeiten in Vollständigkeit. Europa ist Turrell gegenüber aufgeschlossener als die USA, wo Museen - wie er berichtet - seine Werke kaufen, sie aber nach der Erstpräsentation im Depot verschwinden lassen.

Ein Krater in Arizona

Dass seine Arbeiten kaum Privatsammler anziehen, liegt in der Natur der Sache. Mit amerikanischem Pragmatismus zuckt der vollbärtige Turrell darüber nur die Schultern: "Wenn man solche Kunst macht wie ich, darf man sich nicht beklagen, wenn die Sammler nicht kaufen." Immerhin hat sein größtes, seit über zwanzig Jahren verfolgtes Projekt, einen Vulkankrater in Arizona zu einer gigantischen "Ausstellung" natürlichen Lichts zu machen, die Förderung der New Yorker DIA Art Foundation gefunden. Im kommenden Frühjahr soll - von den Freunden der land art heiß erwartet - der erste "Bauabschnitt" fertig gestellt sein. Während er lakonisch von seinem Projekt "Roden Crater" berichtet - ins Erzählen verfällt er nie -, glaubt man, in James Turrell das Urbild des amerikanischen Pioniers zu erblicken.

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