Kultur : Expo 2000: Handwerk hat hölzernen Boden

Bernhard Schulz

Frühere Weltausstellungen - so ein derzeit oft gehörter Seufzer - brachten Symbolbauten hervor, Bauten, in denen sich die jeweilige Epoche vergegenständlichte. Ob der Londoner "Kristallpalast" zur allerersten Weltausstellung von 1851, ob der nach seinem genialen Ingenieur benannte Eiffelturm im Paris des Jahres 1900 oder aber, nochmals ein halbes Jahrhundert später, das "Atomium" von Brüssel 1958 - es blieben Bauwerke, die die Sehnsüchte ihrer Zeit in einem einzigen Bild verdichteten.

Von Hannover, so hieß es schon zu Beginn der Weltausstellung 2000, wird sich dergleichen niemals sagen lassen. Es fehlt an einem Symbolbau. Wird nichts bleiben?

Das hätte seine eigene Ironie, ist es doch ausgerechnet diese Weltausstellung, die im Unterschied zu ihren leicht verderblichen Vorgängern auf "Nachhaltigkeit" setzt. Von den 166 Hektar Fläche, die die Expo besetzt, werden nicht weniger als 150 weiterhin genutzt werden - hauptsächlich für den vorherigen Zweck, nämlich als Messegelände. Anders als bei den Vorgänger-Expos in Sevilla oder Lissabon gaben sich die Expo-Macher von vorneherein bescheiden und planten keinen neuen Stadtteil und keine "urbane Revitalisierung", sondern die zwischenzeitliche Nutzung der gesichtslosen Industriemesse für die Selbstdarstellung nahezu aller Länder der Erde.

Alter Hut Ökologie

Bleibt wirklich nichts? Zur "Halbzeit" der Expo, die am 16. August nach 76 Tagen Dauer zu verzeichnen war und auf dem Gelände mit Trommlern aus aller Herren Länder lautstark begangen wurde, schält sich allmählich heraus, welche der nationalen Ausstellungspavillons sowie der neu errichteten Funktionsbauten Bestand haben werden; nicht im Sinne der physischen Erhaltung, die wie noch bei jeder Weltausstellung zumindest bei den nationalen Selbstdarstellungen nicht beabsichtigt ist, sondern im Sinne eines Vorbildes, überhaupt eines "Bildes", das künftige Architektur befruchten kann.

"Mensch - Natur - Technik: Eine neue Welt entsteht", lautet das offizielle Motto der Hannoverschen Veranstaltung. Man ist geneigt zu fragen, ob sich irgend ein anderes Motto überhaupt hätte finden lassen, so fixiert, wie wir aus schlechtem Gewissen heraus auf Schutz und Bewahrung der Natur und der natürlichen Ressourcen sind. Man könnte, nach den Erfahrungen mit der Wiederkehr der Nationalstaaten und dem Siegeszug eines globalisierten Turbokapitalismus, gewiss einwenden, dass der Bezug auf Umwelt und Ökologie ein simpler Trick ist, alle Welt unter einen Hut zu zwingen, während sich in Wahrheit die Zukunftschancen der Nationen durch ihre Position am Weltmarkt entscheiden. Doch selbstverständlich will jede Weltausstellung den Vorschein einer neuen und besseren, und das heißt für eine Expo: einer schöner anzusehenden Welt bieten.

Auf diesem Hintergrund ist es schon verwunderlich, was eine erkleckliche Anzahl von Pavillons vorführt: die Rückkehr zu den Lösungsansätzen von früher. Der Baustoff Holz fand reichlich Verwendung. Holz erfüllt die unausgesprochenen Forderungen des Expo-Mottos auf ideale Weise; es stellt Naturverbundenheit nicht nur aus, sondern dar, und es ist allemal recyclebar. Zudem ist es ein Rohstoff, der die Welt jedenfalls nicht a priori in arm und reich, in technisch avanciert und zurückgeblieben teilt. Holz steht, wie kaum ein zweiter Baustoff, großen Teilen der Erdbevölkerung zur Verfügung. Er bedarf keiner ausgefeilten Maschinen zur Bearbeitung, auch wenn beispielsweise das "Expo-Dach", jene grandios geschwungene Bedachung eines zentralen Messeplatzes von Thomas Herzog aus München, durch ausgefeilte Konstruktion beeindruckt.

So zeigen denn viele Pavillons, was man mit Holz machen kann: merkwürdig sendungsbewusst bei Ungarn mit dem Anflug einer Kelchform, vergangenheitsselig in nachgestellter, dörflicher Baukunst im polnischen Pavillon, erfrischend sachlich in der Kombination mit metallenen Treppen bei Tschechien, den Erwartungen an skandinavisches Design entsprechend bei Schweden, in frechem Formen- und Materialmix bei Lettland. Überhaupt zählen die drei baltischen Pavillons, alle nach klugen Konzepten gestaltet, zu den Überraschungen der Expo.

Frankreich mit dem immerhin größten Nationenbauwerk hat seine Architektur geleast: Françoise-Hélène Jourda hat eine Einkaufshalle mit einem Tragwerk aus Metall und formbelassenen Baumstämmen entworfen, die nach der Expo ihrem profanen Zweck in einem "Gewerbepark" dienen wird. Baumstützen tragen auch den kolumbianischen Pavillon; und man gewinnt den Eindruck, dass dieser Rückgriff nicht nur auf ein natürliches Material, sondern auch auf dessen natürliche Gestalt als bewusster Abschied von der historisch gewordenen Moderne verstanden werden darf.

Wenn es denn so ist und die Moderne als Ideengeber ausgespielt hat: Warum haben die Expo-Verantwortlichen die Rückkehr zu traditionellen Baustoffen nicht durchgängig thematisiert? Während sich die Vereinigten Arabischen Emirate mit einer 1001-Nacht-Kulissenarchitektur aus Fiberglas zufrieden geben, zeigt Jemen, gewiss nicht das reichste Land im Nationenwettstreit, ein wunderschön von lokalen Handwerkern ornamentiertes Ziegelbauwerk. Der Charme der historisch beglaubigten Baukunst verfängt sichtlich bei den Besuchern; andererseits wäre es wichtig gewesen, zeitgemäße Bauformen mit traditionellen, mit geringem Maschinen- und vor allem Energieeinsatz zu gewinnenden Baustoffen vorzuführen. Die Länder der Dürrezonen in Afrika und dem Vorderen Orient, mit Trockenziegeln und Lehm vertraut, hätten zu solchen Beispielen ermutigt werden können, um nicht länger den scheinbar bequemen, aber klimauntauglichen Beton als Ausweis von Modernität zu bevorzugen.

Ermutigung zur handwerklichen Arbeitsweise in Ländern, in denen die menschliche Arbeitskraft nach wie vor den billigsten Produktionsfaktor darstellt, geben die beim Publikum überaus beliebten "Tempel" der Himalaya-Nachbarn Bhutan und Nepal, in geduldiger (Familien-)Arbeit holzgeschnitzt und im stummen Widerspruch zur Ex-und-hopp-Mentalität eines solchen temporären Spektakels. Es sind dies Pavillons, bei denen die unterschiedlichen Zielsetzungen von Architektur und Denkmalpflege miteinander verschmelzen, denn die Fertigkeiten, in Hannover an makellosen Neuschöpfungen demonstriert, werden zur Sicherung der bedrohten Zeugnisse uralter Kulturen dringend benötigt. "Nachhaltigkeit", wie sie bei dieser Expo leichthin im Munde geführt wird, bedeutet zuallererst die Bewahrung einer kulturellen Überlieferung, die ihre Lebenskraft jahrhundertelang unter Beweis hat stellen können.

Da hätte auch der Schweizer Architekt Peter Zumthor einen Beitrag liefern können. Die helvetische Bühne erringt zwar die Krone der allervollständigsten Nachnutzung, lassen sich doch die frisch geschnittenen Lärchen- und Föhrenstapel ohne jeden Rest weiterverwenden. Aber einen Beitrag etwa zu einem neuen Umgang mit dem flächenfressenden Zweitwohnbedarf der Eidgenossenschaft hat der Meister nicht geliefert. Der von der Fachkritik hochgepriesene Pavillon ist ein Gag - und ein rundum sinnenfreudiger, zumal die drei innerhalb der Balkenstapel versteckten Bars beste Schweizer Gastlichkeit bieten. Aber eben nicht mehr.

Am höchsten gepiesen bereits lange vor der Expo wurde der holländische Pavillon der Rotterdamer Jungstars MVRDV. Sie haben unter dem Motto "Holland schafft Raum" typische "Landschaften" einfach übereinander geschichtet und so die Grundfläche ihres Gebäudes vervielfacht. So kommt die durchrationalisierte holländische Blumenzucht - wahrlich kein Beispiel für angemessenen Umgang mit Natur - als Etagenbetrieb zur Abnschauung, künstlich bewässert, belichtet und in regelmäßigem Turnus neu bepflanzt - Wegwerfnatur für den Billigmarkt. Die Dünenlandschaft im Parterre besteht der Haltbarkeit halber gleich aus Beton, und anstelle der angekündigten lebenden Bäume müssen tote Eichenstämme in Stahlverankerungen das Obergeschoss tragen. Auf dessen Dach drehen sich Windräder, wobei unklar bleibt, ob Wind sie treibt oder doch nur Strom aus der Steckdose, wenn ersterer in Niedersachsen ruht. Ja, spaßig sieht der Holland-Sandwich aus, jedenfalls von außen und von der vorbeigleitenden Gondelbahn; der vorgeschriebene Besichtigungsweg selbst, vom Dach über Außentreppen zurück auf die Nullebene, vermittelt darüberhinaus wenig.

Erleuchtung für zukünftiges Bauen bietet der Rotterdamer Event-Bau eher nicht. Versteht man "Nachhaltigkeit" nicht nur physisch, sondern als Vorstellung fortwirkender Ideen, dann kann die Architektur der Expo 2000 kaum als Auftakt eines neuen Jahrhunderts gelten. Erstaunlich - und enttäuschend - ist, dass die vom krakenhaften Wachstum ihrer Städte betroffenen Länder diesem Thema kaum Aufmerksamkeit gewidmet, geschweige denn zu baulicher Darstellung verholfen haben. Sind die Megacities etwa an den Küsten Chinas und Japans derzeit nicht das Thema weltweiter Fachtagungen überhaupt? Aber das Reich der Mitte präsentiert sich in einer mit dem Großfoto der Chinesischen Mauer beklebten Kiste. Japan hat zwar eine konstruktiv überaus bemerkenswerte Lösung anzubieten, ein von Shigeru Ban aus Stäben dicht gerollten Papiers zusammengesetztes Tragwerk, das in Großform übersetzt, was im Kleinformat bereits als erdbebenresistente Notbehausung erprobt ist. Aber ist das Architektur für die Riesenstädte der Zukunft?

Rettung vom Diktatorenwahn

Zurück in die Zeit vor der Hypertrophie Ceausescus, ist die Botschaft des rumänischen Pavillons (von Doru Comsa). Rankpflanzen innerhalb eines leichten, ersichtlich temporären Metallgerüstes schaffen eine grüne Membran zwischen Innen und Außen, mehr Wetterschutz denn Architektur. Im Inneren aber zeigt Rumänien die Ergebnisse des städtebaulichen Wettbewerbs zur Rettung der vom Diktatorenwahn bereits arg lädierten Hauptstadt Bukarest.

Das immerhin ist ein Expo-Beitrag, der über die freundlich-touristische Eigenwerbung der meisten Länder hinaus geht - und der auch nach dem 31. Oktober von Interesse sein wird, wenn die Expo-Bauten, ob anregend oder belanglos, ihre Schuldigkeit getan haben und ans Recycling fallen. Der eine, ins kollektive Gedächtnis eingesenkte Symbolbau ist nicht darunter.

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