Kultur : Expo: Deutschlandspiele

Christiane Peitz

Keine Sorge, es ist nicht politisch, sagt der Mann am Infostand des Deutschen Pavillons auf Nachfrage eines neugierigen Expo-Besuchers. Eine Uraufführung zum Tag der Deutschen Einheit, in Auftrag gegeben von niemand Geringerem als der Bundesregierung, nach Texten von Thomas Brussig, Irene Dirsche, Herta Müller, Péter Nádas und Moritz Rinke und anderen - nicht politisch?

Nein, dies ist kein Hoftheater, sagt Staatsminister Michael Naumann. Die Zuschauer, unter Ihnen der Kanzler persönlich und die Expo-Chefin Birgit Breuel, erwarte an diesem Abend Schock und Seelenreinigung. Regie: Arie Zinger.

Schock also. Ein alter Mann - ein Jude möglicherweise - kehrt nach Jahren des Exils nach Deutschland zurück und begegnet seinen Landsleuten: brüllenden Fußballtrainern, manischen Mülltrennern, autoritätshörigen Nicht-bei-Rot-über-die-Ampel-Gehern, Feierabend-Fetischisten und Dienstvorschriftsbefolgern. Sieben Autoren deklinieren das Deutschsein durch, monologisieren mit Volkes Stimme und gruseln sich in einer Theaterperfomance mit dem Titel "Die erste Stunde nach der letzten" wohlfeil über die eigene Nation. Auschwitz ist überall, und irgendwie sind wir alle Charakterschweine. Am deutschen Unwesen soll das Theater genesen.

So einfach ist das. Man spuckt den feierlichen Einheitsrednern in Dresden und den fröhlichen Partygängern auf der Expo-Plaza (mit Beethoven, Blasmusik, Breakdance) in die Suppe und hat die Moral auf seiner Seite. Am Schluss singen die Schauspieler - darunter Jasmin Tabatabai, Hermann Lause und Miriam Goldschmidt - das Deutschlandlied. Leise, auf jiddisch. FM Einheit dirigiert. Aber Seelenreinigung funktioniert nicht so selbstgefällig.

Keine Sorge, es ist nicht politisch: Die offizielle Kultur zur Einheit am deutschen Tag hat ein Doppelgesicht. Im August-Everding-Saal des Deutschen Pavillons wird das deutsche Trauma mundgerecht als szenische Lesung verabreicht, draußen erhalten die Expobesucher Wimpel und Negerküsse. 50 000 Schaumküsse wurden heute gratis verteilt, sagt Simone Koltzau von der Grabower Süßwaren GmbH beim frühabendlichen Zeitzeugen-Interview auf der Open-Air-Bühne. Und erzählt die Geschichte vom Eiweiß als einstigem DDR-Mangelrohstoff, der die Schaumkuss-Produktion bis zum Mauerfall doch erheblich behinderte. Der Moderator merkt süffisant an, man verwende hier nur die politisch korrekte Bezeichnung "Schaumkuss". Sein Moderationskollege ruft derweil die einzelnen Bundesländer aus der Menge auf und vereint sie in anschwellendem Applaus. Dass auch ausländische Gäste die Expo besuchen, kommt ihm nicht in den Sinn.

Selbstkritik hat immer einen komischen Aspekt: Guck mal, sind wir nicht schrecklich? Wie der Affe, der sich begeistert auf die Brust trommelt. Roger Willemsen hat für den Deutschen Pavillon in dieser Woche eine Video-Installation beigesteuert: 55 Interviews mit ausländischen Künstlern, die in Deutschland leben, und mit deutschen Künstlern, die im Ausland arbeiten. Die Videos laufen in kleinen Glashäusern, so dass die Blicke sich spiegeln können. Die Deutschen sind immer die anderen, beschreibt eine Interviewpartnerin ihre Beobachtung des deutschen Selbstbildes. Am Abend auf der Bühne wird das nur bestätigt: Wir Deutschen sind immer die anderen. Die Wimpelträger und Schokoküsseesser, die Mülltrenner und die Dienstbeflissenen, die Suppenspucker und die toleranten Politiker, die die Suppenspucker zu Tisch laden. Wenn das kritische Bewusstsein zur idée fixe wird, ist es nichts mehr wert.

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