Kultur : Exportgut Revolution

Ehemalige serbische Aktivisten beraten Oppositionelle, zurzeit in der Ukraine

Enver Robelli

Wie macht man eine Revolution? Aleksandar Maric und seine Freunde wissen Bescheid. Die jungen serbischen Aktivisten gründeten Ende der Neunzigerjahre in Belgrad die Widerstandsbewegung Otpor. Damals hatten viele Serben die Hoffnung aufgegeben, dass Slobodan Milosevic auf friedliche Weise abtreten könnte. Das Regime fälschte die Wahlen, unterdrückte unabhängige Medien und hetzte prügelnde Polizisten auf die Oppositionspolitiker, die ohnehin zerstritten waren.

Die Anführer von Otpor verfassten eine Art Gebrauchsanweisung für den Umsturz. Oberstes Gebot: keine Gewalt. Dafür wurde das Regime mit grenzenlos frechen Methoden bekämpft und lächerlich gemacht, zum Beispiel mit einem Waschmittel-Werbespot, in dem das Konterfei von Milosevic als hartnäckiger Fleck auf einem T-Shirt dargestellt wird. Erst nach einem Otpor-Waschgang wird der Stoff sauber.

Als Milosevic Ende September 2000 die Wahlen manipulierte, klebten die Otpor-Aktivisten überall Plakate mit einer gereckten Faust und dem Schlachtruf „gotov je“ („Er ist erledigt“). Die fast in Lethargie gefallene Bevölkerung wachte auf. Das Regime reagierte hilflos, weil die studentische Organisation keine erkennbare Führung hatte. Viele Polizisten empfanden heimlich Sympathie für die Jugendlichen. Am 5. Oktober stürmten die „Otporasi“ das Bundesparlament in Belgrad, die Polizei kehrte der Diktatur den Rücken, und Milosevic musste die Macht abgeben.

Otpor ist inzwischen in der Demokratischen Partei des ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic aufgegangen. Nur eine Hand voll Aktivisten wie Aleksandar Maric sind noch unterwegs – als Handelsreisende in Sachen Umsturz. Maric beriet auch die Opposition in Georgien. In Seminaren dozierte er über die „Dramaturgie der Straße“ und lud die jungen Revoluzzer aus Tiflis nach Belgrad zum Erfahrungsaustausch ein. Im November 2003 drangen Mitglieder der georgischen Bewegung Kmara („Genug“) mit der Otpor-Fahne ins Parlament in Tiflis ein und vertrieben den korrupten Staatschef Eduard Schewardnadse vom Rednerpult. Die Wahlen wurden wiederholt; Sieger wurde der prowestliche Politiker Michail Saakaschwili. Schewardnadse hatte die georgischen Studenten unterschätzt.

Spätestens seit dem unblutigen Umsturz in Georgien exportiert Maric die „Belgrader Revolution“, das Modell eines Umsturzes ohne Anführer, weltweit. Eine serbische Journalistin nennt ihn deshalb „unseren Che Guevara“. So bereiste Maric mehrmals die Ukraine und beriet die Jugendbewegung Pora. Die ukrainischen Studenten versuchten, durch zivilen Ungehorsam einen Wahlbetrug zu vereiteln. Vielleicht gewinnen sie ja nun die Kraftprobe mit der Führung in Kiew.

Schon deshalb wäre Aleksandar Maric jetzt gern in Kiew bei seinen ukrainischen Freunden. Er darf aber nicht. Am 12. Oktober nahm ihn die ukrainische Polizei auf Geheiß des Geheimdienstes auf dem Kiewer Flughafen fest. Maric verbrachte eine Nacht im Gefängnis und wurde nach Serbien abgeschoben. „Alles, was ich dort getan habe, ist legal. Ich habe die Bürgergesellschaft unterstützt und unsere Ideen für einen unblutigen Machtwechsel präsentiert“, sagt er. „Wir sind eine Consultingfirma für Demokratisierung.“

Offiziell heißt Marics Organisation „Zentrum für gewaltlosen Widerstand“. In Belgrad spricht man längst von einer Akademie für Umstürzler. Die Ratschläge der erfahrenen Aktivisten sind nicht nur in den ehemaligen Sowjetrepubliken gefragt. Maric und seine Kollegen beraten auch die Gegner von Hugo Chávez in Venezuela, den simbabwischen Oppositionsführer Morgan Tsvangirai und pazifistische Globalisierungsgegner.

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