Kultur : Exportschlager

Carsten Niemann

Was hat die Academy of St. Martin-in the-Fields mit Weetabix gemeinsam? Sie ist ein britisches Erzeugnis und stolz darauf, den Queens Award für besondere Leistungen im Außenhandel erhalten zu haben. Zu Recht, wie sich das Publikum im Konzerthaus überzeugen konnte. Tragend, warm, und samtig glänzend ist der Klang des Exportschlagers, beherzt im Strich und unaufdringlich virtuos. So jedenfalls in William Waltons Sonate für Streichorchester, einem Werk, das dem Kammermusik- wie dem Filmkomponisten Ehre macht. Fast beiläufig von der Viola eingeleitet, findet es besonders im dritten Satz zu kitschlos eindringlichen Breitwandkantilenen. Ein Fest für die körperreich musizierenden tiefen Streicher, unter denen vor allem der exzellente Kontrabassist auf sich aufmerksam machte. Überlegt und überlegen klangen Walzer, Märsche und Fuge in Benjamin Brittens Variationen über ein Thema seines Lehrers Frank Bridge, abgesehen von kleinen Flüchtigkeiten der hohen Streichern. Wie konnte man überleben, als es noch kaum historische Aufführungspraxis gab?

Diese Frage beantworteten die Academy und die stilistisch vielseitige Sopranistin Jane Irwin in Händels Lucrezia-Kantate: Irwins große, sehr ausgeglichene, vibratoreiche aber bewegliche Stimme wurde mit Wohlklang eingefasst; man begleitete engagiert und bewahrte doch selbst im Furioso britische Gelassenheit. Ein legitimer Interpretationsansatz: Auf diese Art bahnten Ensembles wie die 1959 gegründete Academy der Barockmusik jenen Weg, auf dem dann die Spezialisten des "Originalklangs" in die Konzertsäle marschierten. Einziger Wermutstropfen im Programm: Haydns fades Konzert für Cembalo, Violine und Orchester in F-Dur: auf einer häßlichen Nähmaschine von Cembalo musiziert hätte es auch vom Ensembleleiter Kenneth Sillito als Violinsolist noch etwas klangliches Überbügeln vertragen.

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