Kultur : Extremer Höhe folgt Absturz ins Dunkle - Schneidende Spannung im Konzerthaus

Isabell Herzfeld

Gerne bringt Michael Gielen Auseinanderstrebendes zusammen, diesmal, mit dem Berliner Sinfonie-Orchester, Stücke von Wolfgang Rihm und Robert Schumann. Der Romantiker faszinierte den Neutöner schon immer: durch seinen sich selbst gefährdenden Drang, Zersplittert-Fragmentarisches zu wagen. Der Heiner-Müller-Text, den Rihm für sein Werk "Frau, Stimme" (1989) verwendete, ließe sich auch dem nihilistischen "Manfred" in den Mund legen, tragischer Held aus Lord Byrons dramatischem, von Schumann als Melodram vertonten Gedicht: "Ich bin der Engel der Verzweiflung, mein Gesang der Schrei". Wie im Kaleidoskop schüttelt Rihm solche Textbrocken durcheinander, verwandelt sie in sinnlich gespannten Klang. Dazu genügt ein schneidendes Violin-Flageolett, pochende Holzblock-Schläge, anschwellender Trompetenton. Das Publikum ist von Instrumenten umschlossen, gefangen zwischen immer dichteren Klängen, aus denen sich die hohen Soprane von Isolde Siebert und Carmen Fuggiss herausschälen. Extremer Höhe folgt der Absturz ins Dunkle. Souverän treibt Gielen das Orchester zu solistischen Höchstleistungen an.

Schumanns "Manfred"-Ouvertüre stand nach der Pause dem Rihm doch ein wenig fremd gegenüber. Der unerbittliche Rhythmiker Gielen weckt in "Manfred" hitziges Temperament, kaum melancholische Träume. Ein klassisches Korsett legt sich um die Musik. Dagegen entzückt zuletzt in der Es-Dur-Sinfonie - aufgrund mancher frohsinnig scheinenden Melodie die "Rheinische" genannt - fein ziselierte Linearität. Im Scherzo schieben sich wehmütige Hornrufe vor prickelnde Violin-Stakkati: geradezu ein Rihmscher Raumklang. Die durchartikulierte Polyphonie des Finales klingt fast wie ein witziger Haydn; und das in einer Orchesterfassung, der Gustav Mahler üppige Glanzlichter aufsteckte.

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