Ezra Pound : Lass den Wind reden

Ein Jahrhundertwerk: „Die Cantos“ von Ezra Pound in einer zweisprachigen Gesamtausgabe. Das Werk wirkt zunächst chiffrenhaft, unausdeutbar. Aber dann berührt die unmittelbare Kraft eines Verses, die Schönheit eines Bildes, die präzise Andeutung einer Atmosphäre. Plötzlich erhebt sich eine lockende Melodie aus der rhythmisierten Überfülle unbekannter Namen und Sprachen, Zitate und Anspielungen.

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Der Dichter Ezra Pound (1885-1972). Horst Tappe/Arche Literatur Verlag
Der Dichter Ezra Pound (1885-1972).Horst Tappe/Arche Literatur Verlag

Einhundertundneun Gesänge nebst einigen Fragmenten, ein halbes Jahrhundert Arbeit. Monarchien vergingen, Republiken wurden gegründet, Diktatoren siegten und scheiterten, zwei große Kriege verwüsteten das Antlitz der Erde. Zwischen 1910 und 1960 hat Ezra Pound an seinem Gedicht „The Cantos“ geschrieben. Die Nachwelt steht vor einem tausendseitigen Gesang. Einer Großdichtung, die alle Schichten der Historie und alle Kulturkreise durchpflügt, dabei von Wirtschaft, Politik, Krieg und Kunst erzählt. Die pausenlos Stimmen heraufruft, die zu realen oder mythischen Helden der Geschichte gehören.

Mehr als ein Dutzend lebender und toter Sprachen werden verwendet, Zitate aus den Verwaltungsakten der Renaissance-Republik Venedig stehen neben einem Abriss der Zinsentwicklung in Britisch-Indien, Imitationen von Homers „Odyssee“ und Dantes „Divina commedia“ neben Nachahmungen des Minnesangs provenzalischer Troubadours, der Vortragskunst altenglischer Balladensänger, des bildreichen Philosophierens im Alten China. Dabei alle Motive ineinander verschlungen, Bildblock türmt sich auf Bildblock, Gedankensprung reiht sich an Gedankensprung.

Ezra Pound, geboren 1885 im US-Bundesstaat Idaho, gestorben 1972 in Venedig. Bevor ich sterbe, will ich das größte Gedicht schreiben, das jemals geschrieben worden ist, hatte bereits der 22-Jährige seinen Eltern mitgeteilt. Eine erste deutsche Gesamtausgabe von „The Cantos“ ist nun auf dem Markt, eben wurde die Leistung der Übersetzerin Eva Hesse mit dem Preis der Leipziger Buchmesse gewürdigt. Zwei Kilo Poesie, herausgegeben und kommentiert von den Literaturwissenschaftlern Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Für Eva Hesse ist dieses Buch die Vollendung eines Lebenswerks, jahrzehntelang hat sie immer neue Teile des Gedichtes übersetzt und sich dabei eindrucksvoll auf dem schmalen Grat zwischen Werktreue und künstlerischer Eigeninitative bewegt, um ein exzentrisches amerikanisches Genie dem deutschsprachigen Publikum versteh- und genießbar zu machen.

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