Facebook und der gute Journalismus : Liken statt lesen

Zeitungen und Sender veröffentlichen ihre Beiträge zunehmend direkt auf Facebook. Mit „Instant Article“ geht der alte Traum von der Mitbestimmung bei den Massenmedien in Erfüllung – als Albtraum.

Roberto Simanowski
So fing es an mit den elektronischen Medien. Im Sender Funkstunde AG im Voxhaus in der Potsdamer Straße, 1924.
So fing es an mit den elektronischen Medien. Im Sender Funkstunde AG im Voxhaus in der Potsdamer Straße, 1924.Foto: akg-images

Das Radio kam zu früh; die Gesellschaft, die es erfand, war noch gar nicht so weit – so meinte Bertolt Brecht 1932. Statt jedem das Mikrofon in die Hand zu geben und über den Rundfunk die Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen, imitiere man Theater und Presse und spreche von der Bühne des Äthers zur Masse. Das Ziel aber müsse sein, aus dem neuen „Distributionsapparat“ einen „Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“ zu machen, um den „Mächtigen der Ausschaltung“ mit einer „Organisation der Ausgeschalteten“ zu antworten.

Das Internet scheint diese Aufgabe zu erfüllen. Denn hier ist jeder Empfänger potenziell zugleich Sender, hier gibt es keine Diskurspolizei und auch keine Meinungselite, hier entstand eine erweiterte Form der Öffentlichkeit. Doch während die traditionellen Massenmedien im Idealfall eine reflektierende, multiperspektivische Diskurskultur schaffen, banalisiert das partizipative Internet die öffentliche Kommunikation und schafft ein Publikum, das sich kaum noch auf etwas einlässt, was nicht in den Rahmen eines Smartphones passt.

Der „Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“, von dem sich Brecht und viele andere die Emanzipation des Individuums versprachen, unterläuft – das ist die bittere Ironie seines Erfolgs – die Minimalforderung, die der Dramatiker ans Radio stellte: als Ort der politischen Information und Diskussion das kritische Bewusstsein der Gesellschaft zu schärfen. In der Währung sozialer Netzwerke geht die Kraft des besseren Arguments von der höheren Zahl an Likes aus. Genau so möchte „Instant Article“ nun auch mit Nachrichtenmedien verfahren.

Marc Zuckerberg behauptet: Schnellere Infos sind bessere Infos

Offiziell geht es wieder um die Verbesserung der Kommunikation, diesmal der politischen: Die Menschen, die ihre Kommunikation primär über Facebook und mobile Gerät organisieren – und es werden immer mehr –, wollen nicht warten, bis ein News-Artikel geladen ist. Weswegen viele davon absehen, überhaupt auf einen Link zu klicken. So beantwortet Mark Zuckerberg in einer virtuellen Frage-Antwort-Stunde am 1. Juli 2015 die Frage, wie Facebook good journalism unterstützen will. Sein Vorschlag ist die Einbettung der News-Beiträge anderer Anbieter auf Facebook. Dort können sie in weniger als 300 Millisekunden geladen werden statt wie bisher in 3 Sekunden oder mehr.

Was für viele wie ein Coup aussieht, versteht Zuckerberg also als Teil des Bildungsauftrags: „Wenn die News so schnell sind wie alles andere auf Facebook, werden die Leute naturgemäß viel mehr News lesen. Dies wird dabei helfen, dass die Menschen besser über die Welt informiert sind, und es wird gut sein für das News Ecosystem, da es mehr Verkehr generiert.“ Die Begründung des Angebots an den Qualitätsjournalismus ist im Grunde schon dessen Todesurteil. Wie viel Zeit darf ein Artikel zur intellektuellen Verarbeitung beanspruchen, wenn er sich keine drei Sekunden zum Erscheinen erlauben kann? Schnell geladen heißt auch schnell erledigt zwischen all den aufregenden Status-Updates. Denn die Faustregel der Aufmerksamkeitsökonomie lautet: Je einfacher man etwas liken kann, umso mehr Likes erhält es auch. Solange der Link aufs eigene Hoheitsgebiet der Zeitung führt, gilt das dortige Hausrecht mit all dem Berufsethos, das überlebt hat, bis hin zur Möglichkeit, wenige populäre, aber wirklich wichtige Beiträge prominent zu platzieren. Mit „Instant Article“ und der reinen Algorithmus-Logik aber wird auch noch das letzte Gehege des zoon politikon im Namen der Demokratie abgewickelt.

Darum geht es: Soziale Netzwerke setzen radikal auf Demoskopie und entmachten all die Experten, die zu wissen glauben, was das Volk eigentlich braucht und mögen soll. Für Zuckerberg beginnt die Erziehung zur Mündigkeit mit der Beseitigung von Wartezeit und endet mit einem diskussions- und begründungsfreien Plebiszit der Likes. Und weil er den Menschen das geben will, was ihnen am meisten gefällt, sieht er die Zukunft des Journalismus in rich content wie Videos (statt „nur Text und Fotos“) und perspektivisch in immersive content like VR, also virtueller Realität – weswegen Facebook 2014 für zwei Milliarden Dollar das VR-Brillen-Unternehmen Oculus erwarb.

Erzfeinde des Qualitätsjournalismus: Hyperreading, Multitasking, Powerbrowsing

Es stimmt zwar: Facebooks Geschäftsmodell zielt darauf ab, die Nutzer so viel wie möglich im eigenen Einflussbereich zu halten, da dies Daten und Aufmerksamkeit generiert, die sich verkaufen lassen. Berechtigt sind auch die Ängste vor Facebook als Medienmonopolist und vor Zuckerberg als Großzensor, ebenso die Klage über die finanzielle Abhängigkeit der Medien von Werbeerlösen. Das eigentliche Problem aber sind weder Zuckerberg noch der Kommerz. Es ist das Internet selbst.

Die meisten Begleiterscheinungen des Internets sind Erzfeinde des Qualitätsjournalismus: Hyperreading, Multitasking, Powerbrowsing und die statistische Interaktionsanalyse. Wenn alles immer und überall zugänglich ist, schwindet die Geduld für das Anstrengende. Die Untugend der Instant Gratification verlangt nach schnellen Antworten auf komplexe Fragen, denn die nächste Ablenkung ist immer nur einen Klick entfernt – und die Bestrafung durch Like-Entzug immer öffentlich. Ist also das Medium schuld? Ist es der Mensch an sich? Überlagern die anthropologische und technologische Konstellation die politischen und ökonomischen Interessen?

Wie auch immer die Antwort auf diese Gretchenfrage der Medienwissenschaft ausfällt: Wenn künftig die Beiträge der Journalisten eingebettet in Facebooks „News Feed“ mit den „News“ der Facebook-Freunde um Likes wetteifern, vollendet sich ein Prozess, der als hoffnungsfroher Traum begann, in unerwarteter Weise: Die „Organisation der Ausgeschalteten“ materialisiert sich als eine Kommunikationskultur, in der, so begründete Zuckerberg einst die Einführung des News Feed, das sterbende Eichhörnchen vor dem eigenen Haus wichtiger sein kann als Menschen, die in Afrika verhungern. Befreiung schlägt ein weiteres Mal um in Unmündigkeit, nun als Dialektik der Partizipation.

Roberto Simanowski ist Professor für Digital Media Studies an der City University in Hongkong. Sein Buch „Facebook-Gesellschaft“ erscheint Ende April im Berliner Verlag Matthes & Seitz.

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