Kultur : Fachchinesisch

Eine Dokumentation über den Stadion-Bau in Peking

Bernhard Schulz

„Die Termine sind gedrängt, die Zeit ist knapp“, begleitet die Sprecherstimme eine Fahrt der beiden Basler Architekturgiganten Jacques Herzog und Pierre de Meuron zur Baustelle „ihres“ Olympiastadions in Peking. Das Duo ist schwer beschäftigt, kann – hart am Rande der in China angemahnten Höflichkeit – kaum seine Gesprächsverabredungen einhalten. Der Zuschauer spürt: Hier tun Große Großes. „Architekten wie Herzog und de Meuron haben keine Zeit für morgendliche Übungen“, wird eine Einspielung von china-typisch im Stadtpark tanzenden Menschen jäh unterbrochen: „Sie sind immer auf Achse.“ Man ahnt, wen Tausendsassa Michael Schindhelm, einst Opernstiftungsdirektor in Berlin, zu seinem role model erkoren hat, als er mit oder besser wohl neben dem Schweizer Christoph Schaub den Film „Bird’s Nest. Herzog & de Meuron in China“ drehte.

Es ist die sattsam bekannte Geschichte von fernöstlichem Traditionalismus und westlicher Avantgarde, von der Überwindung bürokratischer Hürden, vom staunenden Blick auf die Fremde, die doch nichts anderes ist als das Fernsehallerlei von herangezoomter Großer Mauer und Verbotener Stadt. Als Koproduktion unter anderem mit Arte ist der 88-Minuten-Film entstanden; was er im Kino verloren haben soll, bleibt rätselhaft. Alles ist aufs Bildschirmformat abgestimmt: das Endlosinterview mit den Protagonisten vor MAZ-eingespieltem China-Lokalkolorit, die Schwenks und Fahrten auf das Stadion in dunstiger Ferne, mal mit Park, mal mit Stadtautobahn im Vordergrund. „Als Schweizer kann man nicht verlangen: Bringt erst einmal die Menschenrechte in Ordnung“, sagt Herzog entlarvend, „das wäre eine unglaubliche Arroganz, wenn man so denken wollte.“ Es sei angemerkt, dass der Film vor der Erhebung in Tibet entstanden ist. Gut wird er vorher schon nicht gewesen sein; ihn jetzt ein Debakel zu nennen, hieße allerdings, sein konventionelles Handwerk zu überschätzen. Bemerkenswert ist allein die Architektur. Und gute Architektur, so das Credo der Schweizer, entsteht „nicht nur in der Demokratie“. Genau das lehrt der Film. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar