Kultur : Fackeln im Sturm

War da was? Der Aufstand aus westlicher Sicht / Von Harald Martenstein

-

1954. Bei dem Wort „Fackelzug“ denkt man heute unwillkürlich an die Nazis, aber die Bundesrepublik war auch sehr gut in Fackelzügen. Beim Gedenken an den 17. Juni spielte Feuer die tragende Rolle. Schon am ersten Jahrestag ziehen in Berlin gleich drei Fackelzüge zum Kreuzberg, überall an den innerdeutschen Grenzen lodern die Mahnfeuer, auf Türmen blinken so genannte „Rotfeuer“ Richtung Osten. Das Ganze hat etwas von Mittsommernacht, mit Thor und Odin gegen Ulbricht und Pieck. Und Bundeskanzler Adenauer schwört in Bonn seinen geliebten Ostdeutschen ewige Treue. Originalton: „Diese Deutschen haben ein Recht auf unsere Liebe, auf unsere Treue und auf unsere Hilfe.“ Auch der Abgeordnete Willy Brandt hält am 17. Juni 1954 eine Rede. Brandt erinnert daran, dass in Umfragen nur 12 Prozent der Westdeutschen die Wiedervereinigung als dringlichstes Ziel der deutschen Politik nennen. Einen „festen Willen“ zur Einheit zu entwickeln, das sei im Westen die Aufgabe. Der Gedenktag sei ein Mittel dazu.

Eine verdrehte Situation. Im Osten darf nicht erinnert werden. Im Westen ist die Erinnerung ein Staatsakt, aber weiten Teilen der Bevölkerung ist die deutsche Einheit, na ja, nicht gerade egal, aber man hat im Augenblick einfach Dringenderes zu tun.

1963. Jahrestag! Kranzniederlegungen, Fackelzüge, 100 000 vorm Schöneberger Rathaus. Sondervorlesungen zum Thema „Deutsche Teilung“ an der FU. In den Kinos dürfen nur ernste Filme gezeigt werden. Am Grenzübergang Checkpoint Charlie aber geht es fast zu wie in unseren Jahren in Kreuzberg, hunderte Jugendliche randalieren, rufen „Freiheit für die Zone!“, werfen Steine und Fackeln auf die WestPolizisten, die Zusammenstöße mit DDR-Grenzern verhindern sollen. Wasserwerfer werden eingesetzt.

Bundespräsident Lübke verschweigt in seiner Ansprache nicht das zentrale Problem des Jahrestages. Der 17. Juni diene „nicht zur Entspannung, Erholung oder gar dem Vergnügen“ (offenbar verstehen ihn viele so), sondern sei „nationaler Gedenktag des deutschen Volkes, Symbol des Ringens um die Einheit in Frieden und Freiheit“.

Die Reden klingen alle ähnlich. Ihre scheinbar so kraftstrotzenden Sätze sind, durch häufige Wiederholung, zu Klischees geworden. Pathos ist nicht immer hohl, aber Pathos, das man zu einem bestimmten Tag auf Bestellung hervorholt, ist es fast immer.

1968. Zwei konkurrierende Kundgebungen: in der Kongresshalle die offizielle Feierstunde mit Herbert Wehner, zu dieser Zeit „Minister für gesamtdeutsche Fragen“, vorm Rathaus Schöneberg erinnert sich die CDU mit Rainer Barzel. NPD-nahe Studenten nähern sich in unfreundlicher Absicht dem sowjetischen Ehrenmal und werden mit aufgepflanzten Bajonetten verscheucht.

Die Regierung der Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger will den Feiertag 17. Juni eigentlich abschaffen, aber der Gesetzentwurf verschwindet in den Untergangswirren der Regierung Kiesinger. Trotzdem, niemand weiß so recht, ob der Tag jetzt, in der Zeit der Entspannungspolitik, noch sinnvoll ist. Sollte man nicht die innere Verbundenheit mit den Menschen in der DDR betonen? Da stört der antikommunistische Sound doch eher. Problem: Der Feiertag ist ein sozialer Besitzstand und als solcher bei den Wählern hoch beliebt. Der evangelische Bischof Scharf schlägt vor, den 17. Juni beizubehalten, aber ihn einfach zum „Weltabrüstungstag“ umzuwidmen. Willy Brandt wird ein Jahr später Kanzler. Er geißelt die „musealen Feierstunden“, das rituelle Kranzabwerfen, aber er verteidigt, für manche überraschend, den 17. Juni als „Ausweis des Verlangens nach Selbstbestimmung und nationaler Einheit.“ Brandt hat die DDR eben nie abgeschrieben, für ihn war die Entspannung ein Mittel zum Zweck, der Einheit hieß.

Das sehen in seinem politischen Lager nicht alle so. Die meisten Linken und Liberalen, die 68er und die Post-68er halten in dieser Zeit den 17. Juni für den unerotischsten aller Feiertage. Antikommunismus gilt vielen als überholt und rechts. Sogar mit den konservativen Offizieren des 20. Juli kann man sich als 68er leichter identifizieren als mit den Arbeitern von der Stalinallee. Eigentlich seltsam: Sie haben demonstriert, sie haben den Staat herausgefordert, Straßenkämpfer, die versteinerte Verhältnisse zum Tanzen brachten, wie später im Westen die Studenten, nur, dass die Studenten kein so hohes Risiko eingingen. Aber man sah diese Parallele nicht. Man verstand auch nicht, dass Brandts Entspannungspolitik antikommunistisch gemeint war, dass es der Todeskuss für die DDR sein sollte.

1983. Stefan Heym diskutiert in der Urania mit Egon Bahr und erklärt den Menschen wieder und wieder, was die Arbeiter am 17. Juni wirklich wollten – keine deutsche Einheit, nein, kein Ende des Sozialismus, auch das nicht, sondern einen besseren, den wahren Sozialismus. Bundespräsident Carstens, CDU, fordert in seiner Rede die Westdeutschen in aller Bescheidenheit auf, doch einmal „die schönen Landschaften in der DDR aufzusuchen“. Und: „Der Friedenswille ist Teil des deutschen Nationalgefühls geworden.“ Die Grünen weigern sich, an der Feierstunde des Bundestages teilzunehmen. Denen, die in Deutschland von Wiedervereinigung reden, gehe es nur darum, „dass sie die Betriebe in der DDR wieder besitzen und Kapital daraus schlagen“. Eine „Konservative Aktion" demonstriert am Adenauerplatz für die Wiedervereinigung, Hauptredner: Otto von Habsburg, CSU, und verteilt in Kreuzberg Flugblätter, in denen die Türken zur Rückkehr in ihre Heimat aufgefordert werden. Nach 30 Jahren Kranzabwerfen ist die deutsche Einheit eine Herzenssache vorwiegend von rechten Desperados geworden.

1989. Die offizielle Festrede im Bundestag hält am 17. Juni Erhard Eppler, SPD. Er sagt: „Ich teile die Meinung derer, für die es in einer Welt der Ozonlöcher, der sterbenden Meere und Wälder Wichtigeres gibt als nationale Wünsche ...Die häßliche Wand aus Eisen und Beton, die durch Deutschland gezogen wurde, hat mehr mit der Statik dieses europäischen Hauses zu tun, als uns lieb ist. Wer sie abreißen will, muß die Statik des ganzen Hauses neu durchrechnen.“ So waren im Laufe der Jahre aus den offiziellen DDR-Schmähreden zum 17. Juni zuerst freundliche Aufforderungen zum Urlaub auf Rügen geworden und am Ende fast schon DDR-Verteidigungsreden. Genützt hat weder das eine noch das andere.

Was wir im Westen dachten, war egal. Es kam darauf an, was in der DDR passiert.

Harald Martenstein, 1953 in Mainz geboren, ist Tagesspiegel-Redakteur. Er hat bei Hoffmann&Campe zuletzt das Buch „Wie ich meinem Kind die Welt erkläre“ veröffentlicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar