Kultur : Fächer für Geheimnisse

Der Münchner Kunsthändler Georg Laue zeigt antike Schatullen und Kästchen

Michael Zajonz

„Wunder gibt es immer wieder“, sang Katja Ebstein 1970 und holte damit beim Eurovision Song Contest den dritten Platz. Georg Laue war damals drei Jahre alt und kann sich nicht mehr erinnern. Doch auch später dürfte der Sohn eines Münchner Kunsthändlers kaum Sinn und Muße für solch wundersames Populärliedgut gehabt haben. Seine Freizeit verbrachte der Heranwachsende auf Kunstmessen und in den elterlichen Verkaufsräumen, musikalisch gingen die Präferenzen eher in Richtung spanische Konzertgitarre statt zum deutschen Schlager.

Und doch hat es wiederholte Elementar- und Erweckungswunder auch im Leben von Georg Laue gegeben. Etwa 1997, als der studierte Kunsthistoriker mit dem Magisterthema „Kunstkammerobjekte aus Bernstein“ nach der Lehrzeit bei Sotheby’s die eigene Kunsthandlung in München gründete.

Wohlgemerkt: nicht irgendeine, sondern gleich die einzig ihm angemessene, also eine individuelle, hoch spezialisierte. Die Kunstkammer Georg Laue handelt mit Kunst- und Wunderkammerobjekten, also mit all den Kuriosa aus Natur, Alchemie, Wissenschaft und Kunst, die Fürsten und reiche Bürger in Renaissance und Barock gesammelt haben, um die Welt buchstäblich zu begreifen. Solche Stücke, die Laue als Händler vermittelt hat, kann man in Berlin derzeit als Leihgaben der Sammlung Würth im Bode-Museum bewundern.

Laues Schwerpunkt liegt im 16. und 17. Jahrhundert. Sein Lieblingswerbespruch bezieht sich auch auf die Erst- und Vorbesitzer seiner Schätze: „Wunder kann man sammeln.“ Das Wundern, hat er einmal erklärt, sei „eine Gegenbewegung zur Hightech-Welt.“ Also bietet Laue so scheinbar unzeitgemäße Dinge wie Nautiluspokale und silbermontierte Straußeneier auf eine Weise an, die auch Liebhaber zeitgenössischer Kunst anspricht. Kult sind seine Gemeinschaftsstände mit dem etwa gleichaltrigen Münchner Skulpturenhändler Sascha Mehringer auf der glanzvollen Tefaf in Maastricht. Und Kult waren auch die Ausstellungen, die Laue in New Yorker Moderne-Galerien veranstaltet hat: 2005 bei Peter Freeman in Soho, wo er seine Pretiosen zwischen Objekten von Yves Klein und Donald Judd arrangierte. 2006 war Laue mit kostbaren Bernsteinarbeiten bei Michael Werner zu Gast – als Ergänzung der Kunstharzbilder von Sigmar Polke. Werner, erinnert sich Laue amüsiert, nennt dieses Doppel noch heute „meine beste Ausstellung“. Die Resonanz sprach jedenfalls dafür.

Den Beweis für seine Zeitgenossenschaft tritt Laue nun – wie schon in den letzten Jahren – auch auf der neunten Ars Nobilis an. Mit 20 ausgesuchten Kunstkammermöbeln: Schatullen, Kabinettschränken, Kistchen und Kästchen, die einst dafür gefertigt worden sind, um in möglichst vielen Fächern, Schüben und Geheimdepots kostbare Wunderkammerware (und den ein oder anderen Liebes- oder Verschwörerbrief) zu bergen. Inzwischen sind die oft in Augsburg entstandenen Miniaturmöbel selbst zu sammelwürdigen Objekten geworden. Den aus Elfenbein, Schildpatt, Ebenholz und anderen Luxusmaterialien gearbeiteten Stücken hat Laue einen wissenschaftlich anspruchsvollen und dabei traumhaft schönen Katalog gewidmet. Erstmals gezeigt hat er seine erlesene Kollektion auf der diesjährigen Tefaf.

Informiert sein und in vollen Zügen genießen, für Laue war das von Anbeginn kein Widerspruch. So hat er für seine Kunstkammer eine ganz besondere Atmosphäre kreiert. In einem Kaffeehaus von 1873 in der Münchner Schellingstraße, nahe den drei Pinakotheken, warten unter farbigen Stuckdecken und umgeben von Säulen barocke Kabinettschränke, virtuos gedrechselte Elfenbeinobjekte, ein ausgestopftes Krokodil, historische Erd- und Himmelsgloben, Miniaturstatuetten aus Elfenbein, Bernstein, Alabaster und Buchsbaumholz und vieles mehr auf ihre Liebhaber. Auf angereiste Kenner und begeisterungsfähiges Laufpublikum. Laue und seine Mitarbeiter freuen sich über jeden Schaulustigen, der unvoreingenommene Begeisterungsfähigkeit mitbringt. In der Galerie wie auf der Messe.

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