Kultur : Fälschen mit Methode

Sherrie Levine stellt bei Jablonka in Berlin aus

Jens Hinrichsen

So hat sich Cézanne die Abstraktion wohl nicht vorgestellt. Wenn Sherrie Levine sich seiner Gemälde vom Mont Sainte- Victoire annimmt, bleiben nur bunte Quadrate übrig. Peinture? Fehlanzeige.

18 Bilder von Cézanne präsentiert die amerikanische Konzeptkünstlerin in der Galerie Jablonka als zur Unkenntlichkeit vergröberte Pixelversion mit dem Titel „After Cézanne“. Abkupfern ist ihr Metier. Seit 30 Jahren verleibt Sherrie Levine sich Schlüsselwerke der Moderne ein. Und kratzt so an vermeintlich ehernen Gesetzen der Kunst (und des Marktes): Verlangt wird, dass die Autorenschaft geklärt ist. Bei Levine bekommt der Betrachter lediglich „Fakes“. Wobei die „Appropriation Art“ die Kategorien von Original und Fälschung gründlich durcheinandergewirbelt hat.

Als Elaine Sturtevant unter den Augen Andy Warhols in dessen Factory die „Warhol Flowers“ druckte und mit ihrem Namen signierte, wurde die „Appropriation Art“ geboren. Sherrie Levines Nachahmungen gehören zu den radikalsten Ausprägungen dieser Bewegung, die im Zuge einer feministischen Kritik an der (männlich dominierten) Moderne einer Reihe weiblicher Künstler zum Durchbruch verhalf, darunter Barbara Kruger oder Cindy Sherman. Levine irritierte 1981 erstmals mit Refotografien „After Walker Evans“, weil sie mit der Hängung von 22 Reproduktionen aus einem Fotoband dem kreativen Akt eine radikale Abfuhr erteilte. Gleichzeitig stellte sie ihren eigenen, skeptischen Blick auf die Originale aus. Vor allem die Authentizität der Fotos stand mit ihrer Wiederholungsgeste auf dem Prüfstand: Das von Evans fotografierte Elend wirkte auf manche Betrachter plötzlich ausgestellt, arrangiert, künstlich.

Nach der Fotografie hat sich die 1947 in Pennsylvania geborene Künstlerin weitere Techniken erobert. 1983 begann sie mit Aquarellen, später kopierte sie Duchamps Readymades und transkribierte berühmte Foto- und Gemäldemotive als Skulpturen. Seit 18 Jahren sind Levines Arbeiten regelmäßig in der Kölner Galerie Jablonka und nun erstmals in den Berliner Räumen (Preise auf Anfrage) zu sehen. Mit drei Bilderreihen nach Le Corbusiers „Polychromie Architecturale“ setzt die Künstlerin ihre kritische Spiegelung der Moderne fort, wobei ihre Haltung zum Nachgeahmten stets zwischen Skepsis und Bewunderung oszilliert.

Dass Levines Strategie das sinnliche Vergnügen inzwischen nicht mehr ausschließt, beweist ihr Zyklus monochrom bemalter Mahagonitafeln – ein Fest der Farben. Beim Ausgangspunkt, Le Corbusiers „Polychromie“, handelt es sich um einen Farbenkatalog, den der Schweizer Architekt zur Einrichtung moderner Wohnungen entwickelt. Subtil unterläuft Levine dieses Diktat, indem sie die Farben zur reinen Malerei zurückführt. Schließlich steht auch Le Corbusiers „Erfinder“-Status auf dem Spiel, wenn man weiß, dass er sich an der Farbpalette umbrischer Maler wie Raffael orientierte. Der unvermittelte Geistesblitz ist eine Chimäre, so jedenfalls sieht es Sherrie Levine. Das Kopieren erlebte sie als Befreiung: „Ich konnte aufhören, originell sein zu wollen.“

Heute sind Methoden wie Sampling oder Fake gängige Kulturpraxis. Umso mehr verblüfft Levine mit immer neuen Volten. Paradoxerweise erweist sich die Amerikanerin als höchst erfinderisch darin, ihre betont anti-kreative Strategie voranzutreiben. Mit neuen Skulpturengruppen aus polierter Bronze zäumt sie ihre Kritik kultureller Herrschaftsstrukturen von hinten auf. Wer bestimmt eigentlich, welches Werk auf den Sockel gehört?

In einer Vitrine stehen Abgüsse von Trödelobjekten, groteske Geschöpfe aus knorrigem Holz, gefertigt von einem Anonymus und von Levine mit Bronzeglanz veredelt. „Ich will die Unterscheidung zwischen Hochkunst und Kitsch aufheben“, sagt die Künstlerin. Mit den „Drei Furien“ scheint sie diesem Ziel ein Stück näher. Die seltsamen Figuren sind von einer Faszination und Expressivität, die einen verfolgen kann. Zwar ist Sherrie Levine nicht die Urheberin. Doch was bedeutet das schon ...

Jablonka Galerie, Kochstraße 60, bis 18. August, Dienstag bis Sonnabend 11–16 Uhr.

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