Kultur : Fälschungen: Ware Madonna

Ursula Bunte

Wer ins Museum geht, will keine Kopien sehen und erst recht keine Fälschungen. Und doch stößt der Besucher möglicherweise auf ein Objekt, das nur dem Original nachgeformt ist oder auf ein Meisterwerk, das imitiert ist. Dennoch hat das Kestner-Museum in Hannover keine Angst, sich zu blamieren. Im Gegenteil, es bläst zum Angriff: Mit seiner neuen Schau "GeaECHTet - Fälschungen und Originale" führt es vierzig Artefakte vor, die bisher im Depot verborgen lagen. In einem regelrechten "Giftschrank", der Plagiate, Kopien, Repliken und Faksimiles fest umschloss. Jedes Haus hat so einen Fehlbestand im Fundus, hier aber darf der Besucher einmal den kleinen Unterschied studieren und den Blick schärfen, für die Qualität des Originals. Fast immer ist es detaillierter und ausgefeilter als die Fälschung.

Im Fall des bronzenen Aquamanile, einem Wassergießer in der Gestalt eines Lammes, wird der Betrachter gründlich aufs Glatteis geführt. Original und Fälschung stehen in der Vitrine nebeneinander, und die Nachahmung scheint wesentlich älter und archaischer zu sein. Doch eine Probeentnahme an beiden Objekten bestätigte die Datierung des aus Warendorf (Westfalen) stammenden Gießgefäßes in die Zeit um 1400 als korrekt. Die Nachbildung im Stil des 13. Jahrhunderts wurde als Fälschung aus dem 19. Jahrhundert entlarvt. Die Mittelalter-Schwärmerei des 19. Jahrhunderts machte auch vor kostbaren Emailgefäßen nicht Halt. In der Schau steht eine "echte" Ziborie, ein Gehäuse für Reliquien, neben einer fast gleichen Imitation aus dem 19. Jahrhundert. Nur der Kenner sieht im ersten Objekt die Lötstellen, die der Fälschung fehlen. Und er sieht den matt-blauen Glanz des mittelalterlichen Gefäßes, der in der Kopie zu einem stechenden Blau gewandelt ist.

Nicht jeder Kopist ist ein Scharlatan - man muss zwischen der versuchten Nachahmung und der Fälschung mit betrügerischer Absicht unterscheiden. Das Kestner-Museum übernahm 1887 mit der bedeutenden Sammlung Culemann auch zahlreiche Nachahmungen in den eigenen Bestand. Der Sammler hatte die Fälschungen zum Teil nicht erkannt. Zudem sah man die Sache nicht so eng im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Jünger des Historismus jener Jahrzehnte eigneten sich selbstverständlich Bestehendes an, kopierten und imitierten die verschiedensten Stile. Nicht immer lässt sich also von "Fälschung" sprechen, wenn nachgebildet wurde.

Ganz sicher raffiniert gefälscht sind die ägyptischen Objekte in der Ausstellung. Das Kalksteinrelief mit dem strengen Frauenprofil ist im Stil der 5. Dynastie (etwa 2400 v. Chr.) gearbeitet und ist doch nachweislich eine Fälschung aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch die Expertin im Hause weiß: Die Hieroglyphen sind nicht stimmig, die Haartracht ebenso wenig, die Pupille ist falsch dargestellt, und die Proportionen insgesamt sind fehlerhaft. Bei der Statuette aus versteinertem Holz im Stil des Neuen Reichs (etwa 1300 v. Chr.) hat sich der Bildhauer kräftig anstrengen müssen, um den Anschein von Echtheit zu erzeugen. Das Material ist außerordentlich hart und wirkt auf den ersten Blick "steinalt". Doch auch hier kann der Mann als Fälscher des 20. Jahrhunderts überführt werden. Sechs im Katalog aufgeführte Argumente überzeugen; die ägyptische Königsfigur ist nichts als ein missglückter Betrugsversuch.

Eine wahre und eine falsche Elfenbeinmadonna, Gläser sowie Objekte aus Silber, Holz und ton stehen in den "geaECHTet"-Vitrinen. Bei der geplanten Neuordnung der Dauerausstellung soll sogar ein Ausstellungsbereich diesem Kapitel reserviert bleiben. Schließlich ist ein zentrales Sammelgebiet des Hauses auch der Bereich Design. Und da wären im Sektor Produktdesign nicht nur die inzwischen gängigen falschen Lacoste-Hemden, Vuitton-Taschen und Rolex-Uhren zu präsentieren, sondern auch jede Menge Beispiele für bewusste "Produktpiraterie", die voll im Trend liegt. Vor ungewollten Überraschungen schützt bei der Kunst ein Gespür für die Verarbeitung und die Details. Misstrauen ist angebracht, wenn ein Objekt "aus Familienbesitz" oder "einer neuen Grabung" angeboten wird. Stilistische und ikonographische Vergleiche helfen weiter, auch die Zuweisung zu einzelnen Werkstätten und Schulen. Und doch kann man sich täuschen, wie im Fall der kleinen Jupiter-Statue aus Bronze. Sie galt als Kopie nach einem Original aus der römischen Kaiserzeit und fristete ein Schattendasein im Fälschungsschrank des Museums. Bis Claudia Caspers, die für Ausstellung und Katalog verantwortlich ist, mit der vermeintlichen Kopie nach Berlin reiste - irgendetwas hatte sie stutzig gemacht. Ihr Gespür war richtig: Sie kam mit einem Original zurück! In einem Forschungslabor hatte die Metallanalyse eine Legierung erwiesen, die nur in der römischen Kaiserzeit bei solchen Statuetten üblich war. Jupiter muss nie wieder zurück in den Giftschrank.

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