Kultur : Fälschungssicher

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

drei gute Schüler der Washington High

Später verwischen die Spuren. Man könnte sich jedenfalls viele Musiker, die beim JazzFest auftreten, auch beim Festival of Exiles vorstellen, das heute im Podewil zu Ende geht (20 Uhr). Man könnte sich dann locker das Definitionswirrwarr schenken, das sich auftut, wenn Jazzer großherzig, aber eben sehr selbstverliebt, andere Musikkulturen umarmen. 1998 als Anti-Ding gegen die offizielle Berliner Kulturpolitik organisiert, geht es beim Festival of Exiles um Musiker, die viel zu wenige zu hören bekommen.

Der Geiger Aleks Kolkowski war an der zauberhaften Einspielung von Tristan Honsingers Musik für die „Travelogues“-Choreographien von Sasha Waltz beteiligt, heute gibt es von ihm eine Solo-Performance mit Film unter dem Titel, „Stage Fright“, Lampenfieber (21 Uhr). Ganz selbstverständlich ist die interdisziplinäre Begierde. Die Magpie Music Dance Company aus Amsterdam entstand vor zehn Jahren als Kollektiv von Musikern, Tänzern, Video- und visuellen Künstlern (21.30 Uhr). Ein roter Faden, der immer wieder im Festivalprogramm durchschimmert, ist der Umgang mit elektronischer und Computer-Musik, ob nun komponiert oder improvisiert, in fast schon traditionell anmutenden Kontexten wie im Trio von Ana M. Rodriguez mit Gitarre und Saxofon (22 Uhr).

Noch ist der Norah-Jones-Hype nicht vorüber. Im Soundtrack von „Tatsächlich ... Liebe“, dem neuen Film mit Hugh Grant, ist sie mit einer Version von „Turn Me On“ vertreten – neben Joni Mitchells „Both Sides Now“. Das ist schön gemacht. Bezieht sich die junge Amerikanerin doch mindestens ebenso sehr auf Joni Mitchell wie auf Aretha Franklin. Norah Jones wuchs in Dallas, Texas, auf, und ihre Mutter sorgte dafür, dass sie Klavier lernte und die Booker T. Washington-Hochschule besuchte. Dort hatten bereits Roy Hargrove und Erykah Badu studiert. Es wird ein Jazzbegriff gepredigt, der kreativ und frisch ist. So wollte Jones denn auch eine Platte mit Jazzstandards aufnehmen, bevor sie in New York die Singer/Songwriter von der Lower East Side und aus Brooklyn traf. Der Musikwissenschaftler und Sänger Ben Sidran bewundert sie wegen ihrer Human Scale. Ihre Stimme lasse den Künstler als Mensch erkennbar werden. Nicht als Produkt, nicht als Fälschung. Dasselbe trifft auch auf Hargrove und Badu zu. Gerade ihre gemeinsamen Aufnahmen zeigen genau das: „Green Eyes“ ist eine Hymne, bei der man gar nicht mehr wissen will, ob das nun Soul oder Jazz oder sonstwas ist, und ihre Version von Donald Byrds „Think Twice“ ist ein wundersames Liebeslied. Badu singt heute im Tempodrom (20 Uhr).

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