Kultur : Fahndung nach Friedrichs Sterbeuhr

Helmut Caspar

Die Schlösser der Hohenzollern waren regelrecht vollgestopft mit Gemälden. Ganze Heerscharen von Aufkäufern schafften Bilder aus den Niederlanden, Italien, Frankreich und anderen Ländern herbei, und weil sich so viel angesammelt hatte, ließ Friedrich der Große im Park von Sanssouci eine Galerie bauen, die "anständig" gekleidete Leute besuchen durften. Gedruckte Kataloge machten die Bilderschätze bekannt. Sie sind heute wichtige Quellen, um den ursprünglichen Bilderschatz zu rekonstruieren. Als 1830 Schinkels Altes Museum am Berliner Lustgarten eröffnet wurde, sah man dort zahlreiche Gemälde, die vorher in den Preußenschlössern gehangen hatten.

Nach dem Ende der Monarchie 1918 gab es eine umfassende Vermögensauseinandersetzung mit dem ehemaligen Herrscherhaus. Wilhelm II. nahm hochkarätige Preziosen ins holländische Exil mit. Das Berliner Schloss wandelte sich zum Kunstgewerbemuseum. Vieles von dem, was hier sowie im Hohenzollernmuseum Schloss Monbijou aufbewahrt wurde, kam, sofern es die Kriegszeit überstanden hatte, in die späteren Staatlichen Museen (Ost) beziehungsweise die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (West). Über die Aufteilung gibt es Abmachungen, doch unter der Hand schwelt der Streit zwischen der Schlösserstiftung und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz um einige Meisterwerke Caspar David Friedrichs, die bislang im Schloss Charlottenburg zu sehen waren. Sollte das Berliner Schloss je wiederaufgebaut werden, wird man über die Rückführung von Kunstwerken aus beiden Stiftungen an diesen Ort neu nachdenken müssen.

Was in Berlin, Potsdam, Rheinsberg und anderswo an den Wänden hängt, gehört vielfach dort nicht hin, ist nur eine Verlegenheitslösung. Denn der Preußischen Schlösserstiftung fehlen nach wie vor über 3000 Bilder, dazu kommen zahlreiche Skulpturen, Möbel und Erzeugnisse des Kunsthandwerks. Die Rote Armee, Ende des Zweiten Weltkriegs in Stalins Auftrag auch nach Beutekunst unterwegs, verwandelte das Neue Palais im Park von Sanssouci in einen Gemäldespeicher. Von hier gingen die Kunsttransporte über eine Sammelstelle auf dem Berliner Zentralviehhof in die Sowjetunion. Zwar kam in den 50er Jahren ein großer Teil dieser Kunstbeute zurück, deklariert als Freundschaftsgeschenk der Sowjetunion an das deutsche Volk, doch eben nicht alles.

Gesamtkunstwerk Schloss

Ein großer Rest blieb in Moskau, und wie es aussieht, bleibt er dort auch noch eine Weile. Der frühere Generaldirektor der Schlösserstiftung, Hans-Joachim Giersberg, hat einige der vermissten Bilder zu Gesicht bekommen. Viele der im 18. und 19. Jahrhundert von den Hohenzollern erworbenen oder speziell auch für die Schlösser geschaffenen Gemälde und Möbel seien unverzichtbar Bestandteil der stets als Gesamtkunstwerke konzipierten Räume, betonte Giersberg schon vor Jahren. Für russische Museen besäßen sie nur geringe Bedeutung.

In den nächsten Monaten erscheint ein noch von Giersberg in Auftrag gegebener Katalog der verschollenen Gemälde. Die von dem Kunsthistoriker Gerd Bartoschek erarbeitete Dokumentation soll auch ins Internet gestellt werden. Außerdem ist geplant, die Angaben auf CD-ROM zu publizieren, um einen hohen Verbreitungsgrad und schnellen Zugriff auf die Informationen zu ermöglichen. In den nächsten Jahren soll darüber hinaus ein Katalog der verschollenen Pastelle, Miniaturen sowie der Mosaik- und Porzellanbilder erarbeitet werden. Bestimmt für Museen, Kunst- und Antiquitätensammler, Verfolgungsbehörden, Justiz, die Medien und andere Interessenten, enthält der Katalog detaillierte Informationen über den Gemäldebesitz der preußischen Schlösser. Er soll nicht nur die Ansprüche der Stiftung auf ihr Eigentum unterstreichen, sondern auch dem Versickern der gesuchten Objekte in den grauen Kunstmarkt und andere Kanäle einen Riegel vorschieben.

Bartoscheks Recherchen erfolgen auf der Grundlage von Inventarverzeichnissen, die seit dem 18. Jahrhundert angelegt wurden, sowie wissenschaftlichen Katalogen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert über den Gemäldebestand. Hilfreich sind Schlossführer, die auch Gemälde nennen, sowie Hängepläne und Ansichten von Schlossräumen, auf denen man Bilder erkennen kann. Auch das Fotoarchiv der Stiftung enthält wichtige Informationen. Herangezogen werden schließlich Erinnerungen an die "Stunde Null", also die Zeit der Besetzung der Potsdamer und Berliner Schlösser durch die Rote Armee.

Das Studium der Dokumente ergibt, dass Unbekannte trotz angeblich scharfer Bewachung eindringen konnten. Preziosen aus dem Besitz Friedrichs des Großen, etwa seine Flöte und die so genannte Sterbeuhr, sowie Andenken an andere Herrscher wurden gestohlen. Ob auch Bilder dabei sind, ist ungewiss, aber auszuschließen ist es nicht.

Bei seinen Nachforschungen stößt Bartoschek gelegentlich an objektive Grenzen. Während die Gemälde des Königsberger Schlosses fast vollständig fotografiert wurden, sind die Angaben über Bilder in anderen Residenzen, etwa in Königs Wusterhausen, unvollständig. So muss der Verlustkatalog notgedrungen in einigen Fällen mit ungenauen Informationen auskommen. Auf der anderen Seite freut sich der Kunsthistoriker über neue Erkenntnisse hinsichtlich der Autorenschaft bei verschiedenen Bildern. Der von Fachleuten ungeduldig erwartete Verlustkatalog wird auch in dieser Hinsicht noch manche Überraschungen bereithalten.

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