Kultur : Fahne brennt

Krieg und Theater: eine Debatte mit Wolfgang Schäuble in Berlin

Peter Laudenbach

Seltsame Allianzen in einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion beim Berliner Theatertreffen: Armin Petras, Theaterregisseur („We are camera“) und Anarchist, ist sich mit Wolfgang Schäuble in der illusionslosen Abkehr von pazifistischen Tagträumen einig. Beide konstatieren, dass Aggression und Krieg anthropologische Konstanten sind, gegen die ein naives Gutmenschentum nichts ausrichten kann. Petras vermutet, mit dem 11. September sei der Krieg, der ohnehin seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt stattfinde, zu seinen Verursachern zurückgekehrt: „Ich finde das überhaupt nicht lustig, aber ich finde es auf gewisse Weise fair.“ Auch dieser gezielte Regelverstoß gegen die politisch korrekten Sprachregelungen sorgt bei Schäuble eher für Interesse an Petras’ Argumentation als für Irritation.

Es ist nicht die einzige überraschende Begegnung jenseits der eingefahrenen ideologischen Muster an diesem Montagabend im Foyer des Festspielhauses, als Politiker und Regisseure über den „unerklärten Krieg“ und das „mörderische Theater“ debattieren. Neben Schäuble sitzen der PDS-Politiker Gregor Gysi und die SPD-Bundestagsabgeordnete Cornelie Sonntag-Wolgast auf dem Podium. Petras und zwei der derzeit wichtigsten Regisseure Europas, Alain Platel aus Belgien und Johan Simons aus den Niederlanden, vertreten die Kunst. Die Regisseure verstehen ihre Arbeit dezidiert politisch und sind mit ihren Inszenierungen beim Theatertreffen vertreten.

Es bleibt dem prominenten CDU-Mann Schäuble überlassen, intellektuelle Ebenbürtigkeit und Neugier der Politik zu demonstrieren. Während Gysi mit launigen Anekdoten und anbiederndem Kampfduzen den Entertainer gibt, fühlt sich Cornelie Sonntag-Wolgast in der Rolle der Gouvernante wohl und erteilt „den Kunstschaffenden“ den gönnerhaften Ratschlag, sich doch mal mit dem Krieg „auseinander zu setzen“. So gehen bei der Sozialdemokratin der Mangel an Respekt vor der Kunst und Ahnungslosigkeit prächtige Allianzen ein.

Bezeichnend für die Ernsthaftigkeit und die Neugier in der Diskussion ist der Unterschied, der zwischen Platel und Schäuble bei der Frage sichtbar wird, was Kunst bewirken könne. Platel kann die Frage nur mit „extremem Pessimismus“ beantworten. Schäuble vermutet größere Wirkungen des Theaters und verteidigt eine Szene aus Platels Inszenierung „Wolf“, in der Fahnen der USA und Israels verbrannt werden. „Eine Flagge zu verbrennen ist schlimm. Aber wenn dadurch sichtbar wird, wie durch Symbole kollektive Aggressionen entstehen, also auch Kriege, ist der Regelverstoß doch sinnvoll“, argumentiert der CDU-Politiker.

Für solche Übersetzungen der Gewalt in symbolische Bilder plädiert auch Johan Simons, der Regisseur der Münchner Auftaktinszenierung „Anatomie Titus“: „Ich will die Gewalt nicht mehr auf der Bühne zeigen. Die Gewalt ist in den Gedanken, darum geht es.“ Wenn intelligente Politiker und Künstler, die, wenn sie gut sind, sehr anders als Politiker denken und die Welt wahrnehmen, überhaupt zueinander kommen können, dann ist das an diesem Abend geschehen.

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