Kultur : Fahrenheit 451

ImSeptemberbranntedieAnnaAmaliaBibliothek.Ein RundgangdurchdieRuineunddieAusstellung in Weimar

Marius Meller

„Sieht zurzeit mehr nach Raumschiff aus als nach abgebrannter Bibliothek“, sagt Michael Knoche, der Direktor der Anna Amalia Bibliothek fast entschuldigend. Sein Blick folgt melancholisch den unzähligen Metallröhren und Plastikschläuchen der unterschiedlichsten Durchmesser, die sich durch die drei Stockwerke des Rokokosaals ziehen. Eine besonders dicke Röhre zittert kurz auf wie ein uralter Lindwurm. Noch während Anfang September die letzten Glutnester gelöscht wurden, als der schönste deutsche Bibliotheksbau und mit ihm eine der wichtigsten Büchersammlungen der Welt brannte, begann man mit der Installation der aufwändigen Trocknungsanlagen. Die Feuerwehr habe damals alles richtig gemacht, sagt Knoche. Sie habe die Brandherde mit einem Minimum an Wasser und Schaum isoliert, das Übergreifen des Dachstuhlbrandes auf die anderen Teile der Bibliothek verhindert und die Buchrettungsaktionen mit vielen freiwilligen Helfern möglich gemacht. Aber die Schäden der fast 400000 Liter Löschwasser, die sich vom Dachstuhl über die zwei Galerien in den kostbaren Innenraum und bis in den Keller hinein ergossen haben, müssen sorgfältig und mit allen verfügbaren Mittel der Hochtechnologie beseitigt werden. Seit September herrscht ein stetiger, trockener Luftzug in den Räumen der ehrwürdigen Anna Amalia.

Rund 50000 Bände sind am 2. September verbrannt, 62000 Bände zum Teil stark durch Wasser und Feuer beschädigt worden. Die Reaktionen auf die „nationale Kultur-Katastrophe“ (Christina Weiss) sind überwältigend: Bisher sind 2,5 Millionen Euro eingegangen; von 15000 Einzelpersonen, von Unternehmen und Stiftungen, an Erlösen aus Benefizveranstaltungen und Schülerprojekten, Kunstauktionen und Bußgeldern. Außerdem haben Jan Philipp Reemtsma und Mobilfunkgigant Vodafone eine Viertelmillion Euro für die Wiederbeschaffung von verbrannten Büchern beziehungsweise fünf Millionen für die Buchrestaurierung zugesagt. Bund und Freistaat Thüringen haben zusammen mit der Allianz Kulturstiftung die Sanierung des schwer beschädigten Gebäudes übernommen.

Michael Knoche ist verhalten optimistisch, was die Restaurierung der „Hardware“, also des Gebäudes, angeht: Im Jahr 2007, dem 200. Todesjahr der kulturseligen Herzogin Anna Amalia, die die Bibliothek 1766 im „Grünen Schlösschen“ einrichten ließ, könnte das historische Gebäude wiedereröffnet werden. Insgesamt wird das Budget gegenüber den ohnehin für eine Restaurierung der Bibliotheksräumlichkeiten eingeplanten 8,4 Millionen Euro durch die Brandschäden nur um ca. 3 Millionen überschritten werden, wenn alles gut geht. Allerdings sind Dachstuhl und die zweite Galerie (mit dem Deckengemälde „Der Genius des Ruhms“ von Johann Heinrich Meyer, das die Sichtachse des Rokokosaals einst wirkungsvoll abschloss) unwiederbringlich verloren und müssen ganz neu konstruiert werden.

Für Buchrestaurierung und -wiederbeschaffung, die sich wohl über Jahrzehnte hinziehen werden, wurde insgesamt eine Summe von 67 Millionen Euro hochgerechnet. Aus Spenden und öffentlichen Geldern (Land 6 und Bund 4 Millionen) ergibt sich eine Summe von ca. 18 Millionen Euro, also ungefähr ein Viertel der bisher veranschlagten Gelder.

Im Weimarer Stadtschloss, in den Gesellschaftszimmern der Großherzogin Maria Pawlowna, ist noch bis Ende Februar die Ausstellung „Nach dem Brand“ zu sehen, die die Schäden an Gebäude und Buchbestand dokumentiert. Neben eindrucksvollen Videosequenzen aus der Brandnacht ist in einem Multimediaraum auch eine 3D-Bildinstallation zu sehen, die der Videokünstler Torsten Hemke kurz vor und nach dem Brand aufgenommen hat. Was ursprünglich bei der ohnehin geplanten Restaurierung helfen sollte, wird nun die Rekonstruktion erleichtern.

Eine Vitrine unter der Überschrift „Fahrenheit 451 (232° Celsius)“ (die Temperatur, bei der sich Buchpapier entzündet) zeigt stark beschädigte Ledereinbände aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die sich unter der Hitze wie Speckscheiben zusammengezogen haben. Eine Reihe von Prachteinbänden der Maria Pawlowna mit Monogrammen der Großherzogin aus unterschiedlichen Zonen der Brandeinwirkung zeigt die brutale Wirkung der Hitze auf die fragilen Buchkörper.

In einem Raum sind die 35 verbrannten Gemälde in schlichten technischen Reproduktionen versammelt und hinterlassen den traurigen Eindruck eines Totensaals: darunter herzogliche Porträts aus der Schule Lukas Cranachs d. Ä. um 1600. Das berühmte Bild von Johann Joseph Schmeller, das Goethe in seinem Arbeitszimmer zeigt, dem Schreiber John diktierend, konnte gerettet werden und ist in alter Pracht zu sehen.

Frühestens im Laufe dieses Jahres können die Schäden an den Büchern im Einzelnen erfasst werden, da erst seit kurzem die gefriergetrockneten Exemplare aus dem Leipziger Institut für Bucherhaltung wieder in Weimar eintreffen. Mühsam müssen aus Buchfragmenten, manchmal einzelnen Seiten, die Verlustlisten erstellt werden. Ein Lebenswerk für Direktor Knoche und seine Mitarbeiter. Mit einem Seufzer verschließt er für heute das schwere Tor seines Bücherraumschiffs.

Die Ausstellung „Nach dem Brand“ ist im Residenzschloss Weimar noch bis zum 20. Februar zu sehen. Der Katalog kostet 12 €. Informationen und Spendenkonten unter www.anna-amalia-bibliothek.de.

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