Kultur : Fahrstuhlmusik: Wie postmodern sind Nationalhymnen?

Thomas Lackmann

Die klassische CD zur Jahreswende beginnt mit Harmoniumsakkorden, die präludierend in der Endlosschleife säuseln, als sei eine Nadel hängen geblieben. Dann intonieren krachende Gitarren, Drums und Bläsergetöse die eigentliche Melodie, sich hinaufwälzend zu Jubelhöhen, schräg herabschmetternd in die Mühen der Ebenen, von Gitarren-Riffs jaulend angesägt, bis zuletzt überm Rumtata-Schluss wieder Harmoniums-Sphärensound flirrt - never ending history. Die Berliner Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot eröffnete ihr Debüt-Album "Werke" mit der "Hymne der SU": eine instrumentale, den Wortgehalt ignorierende Bearbeitung des politischen Gegenstandes. "Sojus Neru Schimy Respublik Swobodnych" (so die Anfangszeile des Staatsgesanges) lautet auch der letzte track dieser 1993 eingespielten CD, befasst sich jedoch, über den Titel hinaus, keineswegs mit Sergej Michalkows Lob der Sowjetrepubliken, sondern zelebriert noch einmal - als Hommage an Jimi Hendrix, als explodierender Eisler-Marsch - die Hymnen-Vorlage aus dem Vaterländischen Krieg. Nur unbeirrte Romantiker kämpfen so pathetisch mit dem monströsen Lieblingsdrachen ihres Lebens: eine aggressive Adaption, voll ostalgischer Ironie.

Soll man Nationalhymnen Ernst nehmen? Jimi Hendrix jedenfalls hat, als er seinerzeit auf der Woodstock-Bühne im "Star Spangled Banner" den Schlachtenlärm des Vietnamkriegs pazifistisch aufdeckte, die US-Hymne Wort für Wort todernst genommen: "the bombs bursting in air". Von Ironie der 90er keine Spur. Hymnen transportieren Historie, Emotion, sogar geliehene Betroffenheit. So muss der Verfasser dieser Zeilen eingestehen, dass auch ihn im zarten Alter das Finale eines Sissi-Films bewegte, bei dem Romy S. und Karl-Heinz B. unter Haydns Kaiser-Hymne durchs k.u.k.-Venedig gondeln: Wie strahlte da die Fanfare in jener Zeile, auf die wir BRDianer (so wir nur singen täten) anstimmen: "Blüh im Glanze dieses Glückes! Blühe ..." Eine Jugendsünde?

"Selbst die Deutschen, die wegen ihrer Nazi-Vergangenheit bis heute Schuldkomplexe haben, stehen zu Klängen einer Nationalhymne auf, die Hitler höchstpersönlich gebilligt hat", schrieb jüngst die "Komsomolskaja Prawda". Denn seit letzten Mittwoch hat Russland offiziell die Hymne der SU eingeführt, Neujahr soll sie wieder erklingen: mit Textfassung Nr. 3 - aus der Feder des einst für Nr. 1 ("Stalin erzog uns zur Treue dem Volke") und Nr. 2 ("Ein ewiges Bündnis aus Volksrepubliken") verantwortlichen Dichters, dem wir hier am 7. 12. dafür Mut zusprachen. Was vom neuesten Poem des Kinderbuchautors Michalkow bereits in die Medien drang ("Der russische Adler vollführt seinen Flug ... Rühme dich Heimat, der Herr ist mit dir") bestätigt Moskaus Drang zum Identitäts-Sampling und Kaschieren aller Irrwege: den Monarchisten das Zaren-Wappen, den Demokraten die Trikolore, den Kommunisten die starke SU-Hymne! Von wegen Ironie oder gar Pazifismus. Allzu genaue Erinnerung spaltet das Volk, Symbole sollen einen; in der Postmoderne funktionieren sie beliebig, wie edle Vorsätze zum Jahreswechsel und vermitteln, der demoskopischen Mehrheit jedenfalls, ein gutes Gefühl. Direkt ins Blut, wie Traubenzucker, geht melodische Erinnerung, deshalb wäre das Leben ohne Musik bekanntlich (laut Nietzsche) ein Irrtum. Ohne Erinnerung an die Irrtümer aber wäre das Leben ein mainstream-Gedudel: wie Fahrstuhlmusik. Darum bitte eine Portion Jimi Hendrix für Fahrstuhlführer Putin!

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