Kultur : Faithless

Diese Woche auf Platz 12 mit: „No Roots“

Ralph Geisenhanslüke

Im Fernsehen gibt es jetzt schon Neunzigerjahre-Shows. Ein Jahrzehnt, das noch so gut in Erinnerung ist, dass man eigentlich keine Retro-Sendung bräuchte. Eigentlich. Denn im Vergleich zu den gegenwärtigen, ganz und gar nicht tanzenden Verhältnissen erscheint die Ausgelassenheit der Neunziger schon verdammt weit weg. Eine Redensart sagt: Wer sich an die Achtzigerjahre erinnern kann, der hat sie nicht erlebt. Über die Neunziger könnte man sagen: Wer damals geschlafen hat, der war nicht dabei. In den Neunzigern dauerte eine durchschnittliche Party mindestens 72 Stunden. Das öffentliche Leben wurde zum Dancefloor. Jeder wollte mit der Jugend kuscheln. Ein Wunder, dass Berlin damals keinen Disco-Senator ernannt hat. Heute sind alle froh, dass die Love Parade ausfällt.

Auch Faithless haben in den Neunzigern wenig geschlafen. Mit ihrem Song „Insomnia“ etablierten sie sich als Dancefloor-Act, dem man sogar zuhören konnte. Dabei behauptet Rollo Armstrong, ihr kreativer Kopf, weder ein Instrument zu spielen, noch überhaupt im Takt tanzen zu können. Armstrong hat nebenbei mit seiner Schwester Dido ein halbes Dutzend weltweiter Hits produziert. Aber bei Konzerten von Faithless betritt er nicht einmal die Bühne. Galionsfiguren der Band sind Rapper Maxi Jazz und Keyboarderin Sister Bliss.

Faithless waren nicht irgendwelche Ravelinge. Das Cover von „Outrospective“ (2001) zeigte eine Szene von den Straßenschlachten in Genua: mit Steine werfenden Demonstranten. Später erschien eine Version des Albums, auf der zusätzlich ihre Version von „Like Ice In The Sunshine“ enthalten ist, die sie für einen Langnese-Spot aufgenommen hatten. Und ihren viel zitierten Titel „God Is A Dj“ haben sie für einen WM-Jingle sogar zu „God Is A Beckham“ umgedichtet. Seit den Neunzigern gelten solche Marketingmaßnahmen nicht mehr als anrüchig. Nun aber ist die Eiskrem-Revolution vorbei. Faithless entdecken, wie viele andere Bands zurzeit, wieder das Politische. Auf „No Roots“ werden wacker Rassismus, Globalisierung und Börsengier gegeißelt. Vielleicht doch eine Band mit Wurzeln.

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