Kultur : Fakten, Fakten, Fiktion

Elfi Kreis

Fotografien haben etwas von Geisterbeschwörungen. Mit dem Medium verknüpft sich die Hoffnung, der unaufhaltsam verrinnenden Zeit doch noch ein Schnippchen zu schlagen, und einen flüchtigen Moment für immer und ewig festzuhalten. Als unwiderrufliches Beweisstück dafür, dass im Bild eingefangenes Leben wirklich stattgefunden hat, konserviert es die Vergangenheit. Torsten Warmuth hinterfragt solche Vorstellungen mit Fotografien, die bisweilen etwas gespenstisch wirken.

Die Galerie Seitz & Partner stellt unter dem Titel "im Verschwinden" Arbeiten der letzten drei Jahre vor. Es ist die erste Ausstellung nach ihrem Umzug von Charlottenburg in die Hackeschen Höfe. Nach dem Tod von Rainer Borgemeister nutzt nun Uli Seitz als neue Partnerin von Inge Kondeyne im Rotationsprinzip die gemeinsamen Räume. Die meisten der gezeigten Serien entstanden in New York: "new walk", "bass", "passing", "track 16" und "manhattan" (Silbergelatine-Print auf Alu-Dibond 3000 bis 5000 Mark). Warmuth bevorzugt die klassische Schwarzweiß-Fotografie. Die Farbaufnahmen von "yellow cabs" bleiben eine Ausnahme. Das schnelllebige Tempo der Großstadt bildet den thematischen Hintergrund, doch er fokussiert Menschen. Der 1968 in Hildburghausen bei Erfurt gebore Wahlberliner zeigt sie meist als schemenhafte, verschwommene Gestalten im Vorübereilen. Er transportiert ein Gefühl für die Flüchtigkeit des Augenblicks. Warmuth kombiniert verschiedene Raum- und Zeitebenen. Bei den Serien "Stadtwolf" und "Passing" treffen Straßenpassanten aufeinander. Urbane Anonymität in der Masse: Kaum jemand nimmt sein Gegenüber wahr. Jeder ist Luft für den anderen. Allenfalls ein Hindernis, das es auf dem eiligen Weg zu dringenden Geschäften unfallfrei zu umkurven gilt. Das wirkt alltäglich, und hätte genau so sein können. Doch die mittels Mehrfachbelichtung im Grenzbereich von Fakten und Fiktion inszenierten Zufallsbegegnungen haben real nie stattgefunden. Für "Passing" fotografierte Warmuth im Wallstreet-Viertel steil aufragende Häuserschluchten als Kulisse flüchtiger Phantomtreffen, deren multikulturelle Protagonisten er anschließend in ganz anderen Stadtteilen aufnimmt. Sein Spiel mit der Möglichkeitsform bietet Freiraum für Assoziationen und Geschichten, die sich erst im Kopf entwickeln. Bei "new walk" geht Warmuth einen Schritt weiter und kombiniert Köpfe wie Bein- und Fußpartien zweier Personen zu einem Diptychon.

Selbst Architektur löst sich auf zur substanzlosen Lichtspur, die Rastlosigkeit suggeriert. Diese Bilder vom Sog der Großstadt haben etwas Überzeitliches. Personen ähneln bei langen Belichtungszeiten geisterhaften Erscheinungen, die sich gerade in Luft auflösen. Die Fotografien lassen sich als Metapher dafür lesen, wie unser Gedächtnis arbeitet. Wie Erinnerungsbilder im Kopf mehr und mehr verblassen. Fantasie ersetzt das in Vergessenheit Geratene und ergänzt die verlorenen Fragmente. Warmuth knüpft beim "Fotodynamismus" des Italieners Anton Giulio Bragaglia an, dem er bereits 1998 eine 4-teilige Hommage widmete. Der Futurist und Schöpfer "Polyphysiognomischer Porträts" berief sich auf das transzendente Potenzial der Fotografie, Zeit als vierte, räumliche Dimension sichtbar zu machen. Warmuths Fotografien fixieren die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und zielen damit in geistesverwandte Richtung.

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