Fall Kurras : Der ewige Spießer

Wieder einmal: Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Wolfgang Prosinger über Kurras und die Feinde der ’68er.

Wolfgang Prosinger

Diesmal muss die Geschichte der 68er Bewegung umgeschrieben werden. Denn Karl-Heinz Kurras, der schießwütige Polizist, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg tötete, war keineswegs ein „faschistisches Schwein“ (wie man gerne sagte), sondern ein Stasi-Spitzel. Was für eine Verblüffung. Was für ein Aufruhr in der deutschen Meinungsmacherei: Der „Gründungsmythos“ der 68er sei zerbrochen, ja geradezu deren Legitimation. Nicht der Klassenfeind hat geschossen, sondern der sozialistische Freund. Die Geschichte muss umgeschrieben werden.

Erstaunlich, dass ausgerechnet jene nach Geschichtsschreibung rufen, die sich im Fall 68 gerade für Geschichte besonders wenig zu interessieren scheinen. Sonst nämlich könnten sie bemerken, dass die Ideenwelt der Studenten, die vor 40 Jahren protestierten, in ihrer allergrößten Mehrheit nichts, aber auch gar nichts mit der DDR zu tun hatte oder haben wollte. Die Vorstellung vom östlichen Deutschland als dem besseren Deutschland war keine 68er Vorstellung. Mochte in Berlin auch die SEW einigen Zuspruch finden und in Westdeutschland an manchen Orten die DKP – in der historischen Wirklichkeit spielte derlei eine völlig untergeordnete Rolle. Es war ein Randphänomen. Wer nun aber den Rand zu Mitte machen möchte, betreibt Geschichtsfälschung. Rudi Dutschke war nicht ganz ohne Grund DDR-Flüchtling.

Der Aufstand der Studenten war ein Aufstand gegen Autorität. Es ging um Transparenz, Partizipation, Selbstbestimmung, Internationalismus. Um das Wagnis größerer Demokratie und um die Durchlüftung der deutschen Wohn- und Schlafzimmer, in denen seit annähernd 40 Jahren kein Fenster mehr geöffnet worden war. Alles Dinge, die sich nicht gerade mit dem DDR-Staat verbinden.

Die 68er Bewegung hatte ihre Wurzeln hauptsächlich in den Bürgerbewegungen amerikanischen Ursprungs. Sie hatte nicht das Mindeste mit dem Ost-West-Konflikt und dem Konkurrenzkampf der Militär- und Wirtschaftsblöcke zu tun. Dass ihre Kapitalismuskritik zu einer Parteinahme für den Sozialismus der real existierenden Abart führen sollte – dieser Holzweg war den meisten 68ern so fern wie der Mond. Und konnte nur Kleinhirnen entspringen, denen zum Protest der APO nichts anderes einfiel als der ewige Imperativ: Geht doch nach drüben!

Weshalb also sollte jetzt die Geschichte umgeschrieben werden? Weshalb sollten die Rebellen von damals in ihrer Grundfesten erschüttert werden? Zu solchen Erschütterungen gibt es, was 68 angeht, ja wahrlich genügend Gründe, von Anmaßung bis zu Respektlosigkeiten, von Besserwisserei bis zur fadenscheinigen Haltungen in der Frage der Gewalt – die Stasi-Vergangenheit des Karl-Heinz Kurras aber ist kein Grund. Im Gegenteil, sie bestätigt auf frappierende Weise, was eine 68er Gewissheit war: Dass der größte Feind jener autoritäre Typus des ewigen Spießers war, der unbeschadet von der Nazizeit ins neue Deutschland geraten war, ob es nun West oder Ost hieß. Ja, dass ihm die historische Entwicklung möglicherweise im Osten ein besonders breites Gesäß beschert hatte.

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