Kultur : Fall Ulrike aufgeklärt: Verwahrlost

Claus-Dieter Steyer

Der Blick durchs Fenster der Erdgeschosswohnung in der Fürstenwalder Georg-Dobrowolski-Straße 11 fällt auf eine Weihnachtspyramide. Daneben stehen vergammelte Kisten, eine Fußbank und im Dunkeln kaum zu erkennendes Gerümpel. Ein umgestürzter Lampenschirm liegt an der Wand, die Wohnzimmertür lehnt ausgehängt am gardinenlosen Fenster zum Hof. Hier also hat der Mörder der 12-jährigen Ulrike gewohnt. Am Briefkasten und an den Klingeln stehen zwei Namen. Die Freundin von Stefan J. hat sich auf den beiden Aufkleben verewigen lassen. Das Fensterbrett zeigt Spuren der Kriminalpolizei. Hier nahm sie am Mittwoch Fingerabdrücke des zu diesem Zeitpunkt noch tatverdächtigen Mieters.

Der fünfgeschossige Neubaublock aus den siebziger Jahren gehört der Arbeiterwohngenossenschaft. Er ist im Unterschied zu den meisten anderen Plattenbauten in der 50 Kilometer östlich Berlins gelegenen Kleinstadt noch nicht saniert. Vor einigen Jahren war Stefan J. hier eingezogen. Das Sozialamt habe ihn hier einquartiert, sagt eine junge Frau vom Block gegenüber.

Zum Thema Chronologie: Der Mordfall Ulrike Der Hausmeister des Reviers winkt auf die Frage nach dem Mieter in der Erdgeschosswohnung nur ab. Nur einmal im vergangenen Jahr habe er ihn überhaupt gesehen. "Aufgebrachte Nachbarn hatten die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung verständigt", erzählt der Mann. Ein Blick in die Wohnung sage wohl alles über den Wohnungsnutzer. Der Hausmeister schüttelt den Kopf und macht sich wieder an die Arbeit in einem anderen Hauseingang.

"Die halten dicht"

Offensichtlich ist der Mörder den wenigsten Menschen in dieser Gegend aufgefallen. "Niemals hätten wir geahnt, in welcher gefährlichen Nachbarschaft wir wohnen", erzählt eine Frau aus dem Einfamilienhaus auf der anderen Straßenseite. "Autos soll der geknackt haben?", fragt sie. "Davon haben wir nichts gemerkt." Ab und zu sei ihr in dem Aufgang zu der Erdgeschosswohnung eine Gruppe von Jugendlichen aufgefallen.

Junge Leute auf der Straße, die den Mann eigentlich kennen müssten, zucken mit den Schultern. Nur ein Kleinwüchsiger weiß offenbar mehr. "Der Stefan war doch kaum in der Wohnung. Die ist doch völlig verwahrlost", erzählt er. "Er war ständig auf der Suche nach Geld. Ohne Job sah er ziemlich alt aus." Er soll in den vergangenen Wochen "tierischen Stress" mit einer besonderen Fürstenwalder Clique bekommen haben. "Der hat ausgerechnet einem aus der Gang die Kohle geklaut. Mensch, das ganze Portemonnaie. Das war sein Urteil." Als Rache darauf sei er krankenhausreif geschlagen worden. "Der hat sich gar nicht mehr in seine Wohnung oder in die Gegend getraut."

Dieses Abtauchen erklärt möglicherweise auch die lange Suche der Polizei nach ihm. Obwohl der 25-jährige Stefan J. dem Phantombild täuschend ähnlich gesehen hätte, gab es ausgerechnet zu ihm keine Bürgerhinweise. "Der hatte sich dünne gemacht und konnte so nirgendwo erkannt werden", meinte der durchaus glaubhaft klingende Mann. Die Frage nach dem möglichen Aufenthaltsort seit dem Mord an Ulrike kann er allerdings auch nicht beantworten. In Fürstenwalde gebe es viele einzelne Gruppen, die zusammenhalten würden. "Die halten dicht." Auch bei Mordverdacht? "Das wundert mich auch. Bei der Riesenbelohnung von fast 200 000 Mark wird doch jeder Kumpel weich."

Ohne Widerstand

In Fürstenwalde mehrten sich am Donnerstag die Hinweise, dass Stefan J. seit dem Mord an Ulrike irgendwo in der Stadt untergetaucht war. Die Verhaftung erfolgte schließlich nicht in der Wohnung, sondern in einer Einkaufspassage im Zentrum der Kleinstadt. Dort saß gestern vielen Verkäuferinnen der Schreck vom Vortag noch in den Gliedern. "Alles ging so schnell. Der Mann leistete bei der Verhaftung keinen Widerstand", berichtete eine Angestellte aus einem kleinen Lebensmittelgeschäft. Nie habe sie daran gedacht, dass der verhaftete Mann tatsächlich der Mörder des Eberswalder Mädchens sein könnte. "Heute lese ich die Schlagzeilen in den Zeitungen natürlich mit einem ganz anderen Gefühl."

Vor der Wohnung des Mörders treffen sich nach dem Mittag auffällig viele Kinder und Jugendliche aus der nicht weit entfernten Juri-Gagarin-Schule. "Zum Glück ist der Täter endlich gefasst", sagt Andrea Engel aus der zehnten Klasse. Andere Schüler blicken in den Briefkasten und drücken aus Übermut sogar den Klingelknopf. "Der war doch so ein schöner Mann, kurze und schwarze Haare", erzählt ein zehnjähriges Mädchen. Er habe sich vor dem Haus oft mit Kindern unterhalten. Nur in letzter Zeit sei er verschwunden gewesen. "Das war also der Mörder?", fragt das Kind und läuft schnell nach Hause.

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