Kultur : Fallbeil-Spiel

Die Kammeroper Schloss Rheinsberg spielt Mozarts „Entführung aus dem Serail“ wie zu alter Zeit

Sybill Mahlke

Abendsonne überm Grienericksee. Aber der Sonnenschein trügt. Es hat wieder einmal nicht sein sollen, dass eine Premiere ins Heckentheater des Rheinsberger Schlossparks einzieht. Heftiger Schauer. Die Kammeroper Schloss Rheinsberg ist den kurzfristig beschlossenen Umzug gewöhnt. Das Publikum versammelt sich am Denkmal des Kronprinzen Friedrich, um per Bus zum Hafendorf Rheinsberg zu gelangen. Und siehe da: Die Sonne kommt wieder gezogen und malt einen Regenbogen direkt über die „Siegfried-Matthus-Arena“. Wahrhaftig – so heißt der neue, 1000 Plätze fassende Theaterbau an der verstörend gigantischen Marina der Stadt im Herzen der Mark. Der Saal ist noch unfertig wie ein Provisorium, ein Orchestergraben in der Planung. Matthus , der agile Komponist, betont indes, an der Benennung des Gebäudes „unschuldig“ zu sein. Abendlich leuchtend steht der Regenbogen über seinem Namen an der Fassade.

Als Künstlerischer Leiter der Kammeroper hat er sich seit 18 Jahren um die Förderung des Sängernachwuchses verdient gemacht. Er gibt den jungen Künstlern ein Podium, im Glücksfall in professionellen Inszenierungen, wenn sie denn in dem vorausgehenden Internationalen Gesangswettbewerb erfolgreich sind. Früher waren unter den Siegern Annette Dasch und Aris Argiris. 2008 stellt sich die Auswahl des Vorsingens zumindest in der Neuproduktion der „Entführung aus dem Serail“ magerer dar.

Eine hübsche Notlösung, das Hecken- theater im Saal unter Dach und Fach zu bringen, ist dem Ausstatter Karel Spanhak eingefallen. An den aufgestellten Seitenkulissen rankt und grünt es grün. Eine listige Imitation der Naturbühne, die in diesem Sommer 250 Jahre alt und daher ein Thema des Festivals ist. Weitere Aufführungen bis zum 16. August kehren nach Maßgabe der Witterung in den Schlosspark zurück.

Mozarts Singspiel wird von den Rheinsberg-vertrauten Brandenburger Symphonikern begleitet, die Ingo Ingensand leitet. Wie die Augen des Konzertmeisters auf den Dirigenten geheftet sind, was er ganz offensichtlich als Ehrensache betrachtet, das entspricht der Motivation des ganzen Orchesters. Dennoch will es nicht gelingen, die Spannung der Ouvertüre mit ihrem leise-lauten Presto zu halten, zumal in den langsamen Teilen der Partitur. Dass kaum ein Wort des gesungenen Textes zu verstehen ist, kann sich gnädig auswirken bei Versen wie „Kummer ruht in meinem Schoß, in meinem Schoß, in meinem Schoß“. Und bleibt doch ein Manko der Sängerin. Ekaterina Kudryavtseva, die die schwere Partie der Konstanze respektabel bewältigt, bleibt im Detail mit ihrer dramatischen Seelenpein im Unklaren. Besser hält sich Florian Spiess, der Osmin mit dem Kapital einer runden Basstiefe. Unfertig aber auch er wie Ralf Rachbauer als Predrillo und Michael Siemon als Belmonte, dessen Blick an eine Schaufensterpuppe erinnert, wenn er Glück besingt. Das geht nicht zuletzt auf das Konto der Regie.

Die Inszenierung von Michael Temme jagt nicht nach Originalität, sie sucht ihr Heil eher in einer heimeligen Unschuld aus der Ferne vergangener Zeiten. Übersprungen wird die Rezeptionsgeschichte: Weder ist die Rolle des Bassa Selim gestrichen (Tye Maurice Thomas spielt einen zarten Wilden), noch zur stummen Figur degradiert, der Ort der Handlung weder Kriegsschauplatz noch Rotlichtmilieu. Viele dieser Regieansätze aber haben dazu beigetragen, unsere Sicht auf das Werk, zumal seine Schmerzen – wie im Fall Bieitos an der Komischen Oper – zu wandeln und zu schärfen. Die Unschuld, eine „Entführung“ reflektionslos anzugehen, ist uns abhanden gekommen.

Temme geht von dieser verlorenen Naivität aus, arbeitet mit Requisiten wie einer Guillotine, deren Fallbeil Osmin für die „Martern aller Arten“ wetzt, und Theaterweinflaschen, die viel zu leicht sind. Das Publikum nimmt die Komik, wie sie sich aus dem Größenunterschied von possierlicher Blonder (Mia Heikkinen frech: „Ich bin Finnin!“) und doppelt so langem Osmin ergibt, dankbar entgegen. Als Aufseher über die Gärten des Bassa stellt Pedrillo Blumentöpfchen an die Rampe. Solche Sachen malt Temme liebevoll aus. Schließlich versöhnt die ganze Mischung aus kleinen Dingen, Jugend, Festival-Flair und genius loci. Matthus steht dafür ein, dass wir gespannt bleiben auf Rheinsberg im nächsten Jahr.

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