Kultur : Fallweise

NAME

Peter von becker über die Kunst

und den Tod, über Ästhetik und Moral

Das Denkmal ist inzwischen wieder verhüllt: Eric Fischls „Stürzende Frau“, eine Nackte als füllige, den Stil von Michelangelo und Rodin zitierende Bronzeskulptur. Der New Yorker Maler und Bildhauer hatte seinen fallenden Akt mitten in Manhattan vor dem Rockefeller Center platziert, zur Erinnerung an die Opfer des 11. Septembers. Das führte zu wütenden Protesten von Passanten und in der New Yorker Presse. Fischls Werk macht Skandal, weil es nicht nur an den Sturz der Menschen aus den brennenden Türmen des World Trade Centers erinnert – sondern das Opfer im Moment des Aufpralls auf dem Pflaster zeigt. In der Sekunde des Todes.

Als am 11. September dieses Jahres im Fernsehen weltweit die Dokumentation der französischen Brüder Naudet gezeigt wurde, die den Terroranschlag direkt im Südtower des WTC erlebt hatten, verzichtete der Film auf alle Bilder der Stürzenden und Sterbenden. Man hörte nur immer wieder den dumpfen Ton, wenn ein Mensch auf dem Boden aufschlug: jedesmal ein Schicksalsschlag. Doch kein Voyeurismus, keine Instrumentalisierung des Leids. Das ist der Gegensatz zu Fischls Skulptur. Der Fall aber lässt einmal mehr fragen, ob auch eine permissive Gesellschaft als zivilisatorisches Maß gewisse Tabus, also Bilder-Verbote braucht. Steven Spielberg ist in „Schindlers Liste“ den nackten Opfern mit der Kamera zwar in eine Dusche, aber eben nicht in die Gaskammer (wo die Duschen nur Attrappen waren) gefolgt. Als dann Wasser aus den Öffnungen in der Decke kam, war das, nach einem furchtbaren Moment des Zweifels, auch ein Bild der Erlösung. Tod und Angst sind große Themen der Kunst. Also gibt es da nicht von vorneherein Tabus. Man muss in den Künsten alles können dürfen. Aber man muss es auch können können. Spielberg und die Naudets konnten es, Fischls Kunstgewerbe wirkt dagegen nicht obszön. Nur peinlich spekulativ.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben