• Falsche Bilder, echte Gefühle - die Wehrmachtsausstellung muss nun überprüfen, was sie zeigt und erzeugt (Kommentar)

Kultur : Falsche Bilder, echte Gefühle - die Wehrmachtsausstellung muss nun überprüfen, was sie zeigt und erzeugt (Kommentar)

Hans Monath

Die Deutschen wollen nicht wegsehen, sie wollen hinsehen. Mehrere hunderttausend Menschen haben in den vergangenen vier Jahren die Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" besucht. Schockierende Bilder wurden darin gezeigt von Uniformierten, die im Osten und Südosten Europas stolz vor Gruppen von Ermordeten zu stehen scheinen - nach Darstellung der Ausstellungsmacher vom Hamburger Institut für Sozialforschung waren sie Soldaten der Wehrmacht.

Heftigen Streit hatte die Ausstellung ausgelöst: War sie manipulativ und denunzierte sie eine ganze Generation mit der Behauptung, die Wehrmacht sei eine verbrecherische Organisation gewesen? Oder zeigte sie nur eine brutale Realität, die von den deutschen Soldaten nach ihrer Rückkehr in die Heimat bis dahin verschwiegen wurde?

Der Streit hat nun neue Nahrung bekommen. Der polnische Historiker Bogdan Musial behauptet auf der Grundlage neuer Funde in deutschen und osteuropäischen Archiven, auf mindestens neun der gezeigten Bilder gehe es nicht um Verbrechen der Wehrmacht, sondern um solche des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Rechtsextreme werden triumphierend behaupten, nun sei klar, dass alle Beweise für Wehrmachtsverbrechen gefälscht seien. Das wird schnell die Verteidiger angeblich gefährdeter demokratischer Grundpositionen auf den Plan rufen, die den Kampf gegen die Relativierung deutscher Geschichte ausfechten - alte Reflexe, die umso besser funktionieren, je länger der Krieg vorbei ist.

Beweise für Verbrechen der Wehrmacht gibt es viele, auch wenn sie weniger spektakulär oder erschütternd sein mögen als die Fotos, die nun teilweise als falsch gelten müssen. Aber muss man, nur weil Rechtsextreme einen Teil der deutschen Geschichte leugnen, die ganze Ausstellung pauschal in Schutz nehmen? Zur historischen Aufklärung wollten sie beitragen - so lautete der Anspruch ihrer Macher. Wer sich zutraut, mit Emotionen statt mit Argumenten Bewusstsein zu schaffen, nimmt eine ganz besondere Verantwortung auf sich. Der sind die Hamburger offensichtlich nicht ganz gerecht geworden.

Das aufgeklärte Deutschland hatte schon lange Abschied genommen vom "Mythos von der sauberen Wehrmacht", den die Ausstellungsmacher so vehement attackierten. Aber um den Stand der historischen Debatte und um unstrittige Erkenntnisse kümmern sich solche Diskussionen wenig, sobald sie durch die Teilnahme der revisionistischen Rechten skandalisiert werden. An Erkenntnis über die Geschichte bringen diese emotional aufgeladenen Kämpfe wenig.

Ohne Zweifel aber zeigt die Aufregung über die Schau, wie unsicher die deutsche Öffentlichkeit umgeht mit der Vergangenheit des Landes, weil immer weniger Menschen diese selbst erlebt haben. Wenn die Vergangenheit nicht vergehen darf, aber immer weniger Zeitzeugen noch mitreden können, gewinnen die professionellen Deuter an Macht.

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