Falsche Kunst : Massenweise Malewitschs

Was zeigt der neue Fälscherskandal um die Russische Avantgarde? Die Gier der Neureichen nach Großkunst ist unersättlich.

Tomasz Kurianowicz
Beschlagnahmt. Das Bundeskriminalamt lagert die heiße Handelsware mit Bildern aus russischen Beständen derzeit in seinem Keller in Wiesbaden. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
Beschlagnahmt. Das Bundeskriminalamt lagert die heiße Handelsware mit Bildern aus russischen Beständen derzeit in seinem Keller in...Foto: dpa

Es klingt wie die Vorlage für einen Hollywoodfilm: In 28 Wohnungen, Galerien und Büros in Deutschland wurden vergangene Woche Razzien durchgeführt, mehr als 100 Ermittler des Bundeskriminalamts waren im Einsatz, um einem Kunstfälscherring das Handwerk zu legen. Ergebnis der Durchsuchungen: In den vergangenen Jahren wurden mehr als 400 gefälschte Bilder der Russischen Avantgarde für Millionenbeträge verkauft – darunter vermeintliche Werke von Natalia Gontscharowa, Malewitsch, Kandinsky, Jawlensky und Larionow.

Zwei Tatverdächtige sind in Wiesbaden festgenommen worden: der Israeli Itzhak Z. (67) und der Deutsch-Tunesier Moez Ben H. (41). Die Polizei vermutet, dass beide Fälscher von 2006 bis 2010 eine Galerie in Wiesbaden betrieben, um die Echtheit der Bilder institutionell zu bekräftigen. Sie sollen Zwischenhändler eines internationalen Fälscherrings gewesen sein, der von Israel aus seine Geschäfte in Russland, Deutschland, Spanien, Frankreich und der Schweiz betrieb. Mehr als 1000 Zeichnungen und Bilder – allein im Bundesgebiet – wurden bereits beschlagnahmt.

Das sind die ersten Auswirkungen eines Skandals von noch unbekanntem Ausmaß. Wobei es schwierig werden dürfte, einen genauen Tathergang zu rekonstruieren, schließlich waren in der langen Zeitspanne nicht nur verschiedene Händler, sondern auch diverse Museen, Galerien, Auktionshäuser, Gutachter und andere Zwischenstationen an den Verkäufen beteiligt. Ein internationaler Personenkreis müsste befragt werden. Das stellt abermals die Operationsgrundlagen des globalisierten Kunsthandels in Zweifel. Denn schon vor Jahren gab es – etwa mit dem Gutachten des russischen Kunsthistorikers Konstantin Akinsha gegen ein Bild von Liubov Popova – erste Anzeichen dafür, dass einige der auf dem Markt befindlichen Bilder der Russischen Avantgarde gefälscht sein könnten.

Viele Museumsdirektoren, Galeristen und vor allem Privatpersonen hielt das allerdings nicht davon ab, die umstrittenen Werke zu erwerben. Wie weit reicht der Kreis der Verdächtigen? „Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiesbaden. „Momentan wissen wir nicht einmal, ob sich unter den beschlagnahmten Bildern vielleicht doch Originale befinden.“ Vor Vorverurteilungen sei also gewarnt. Schuld und Unschuld, Wissen und Unkenntnis bewegen sich besonders hier in einem kaum überschaubaren Graubereich.

Das zeigt der Fall um das Museum Moderner Kunst Wörlen in Passau, das nach Berichten der „Süddeutschen Zeitung“ zusammen mit dem Händler Michael Kroll und der „Russian Avantgarde Art Foundation“ (RAAF) in der Ausstellung „Revolution in der Kunst“ einige der umstrittenen Werke gezeigt haben soll. Ist das Museum auf einen Schwindel hereingefallen? Die Ausstellungsmacher betonen in einer Erklärung, die Bilder seien, „soweit irgend möglich, durch Gutachten abgesichert“ gewesen. Auch seien „etliche Werke, etwa von Natalia Gontscharowa“ bereits durch Standardpublikationen bekannt. „Die Werke aus der Sammlung sind zwei Mal vom Zoll München kontrolliert worden, auch das LKA Bayern war über die Einfuhr und die Präsentation in Passau informiert.“ Und: Von polizeilichen Ermittlungen „im Zusammenhang mit den in Passau gezeigten Werken russischer Avantgarde“ wisse man nichts. Museumsleiterin Josephine Gabler gegenüber dem Tagesspiegel: „Die Werke, die wir gezeigt haben, sind gar nicht Teil des Untersuchungsverfahren. Da wurden in der ‚SZ’ Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. Besonders leid tut mir Herr Kroll, der seine Sammlung liebt und jetzt zu Unrecht verunglimpft wird.“

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