Kultur : Falsche Propheten und Badetouristen

Ungarn präsentiert sich in Berlin als Kulturnation

Steffen Richter

Aus ostdeutscher Sicht sah Ungarn immer ein bisschen wie der Westen aus. „Gulaschkommunismus“ nannte man die Politik der vorsichtigen ökonomischen Liberalisierung, die in den achtziger Jahren einen Hauch westlicher Warenwunderwelt nach Budapest und an den Balaton brachte. Bis Außenminister Gyula Horn den DDR-Urlaubern im Sommer 1989 die Grenze nach Österreich öffnete.

Fast vergessen. Ungarn wird nur als preiswertes Reiseziel wahrgenommen. Sehr zu Unrecht, wie die großformatige Kulturoffensive „Ungarischer Akzent“ belegt, die Berlin bis zur Eröffnung eines neuen Gebäudes des Collegium Hungaricum Anfang nächsten Jahres begleiten wird. Anlässe gibt es genug: den 125. Todestag des Komponisten Béla Bartók, der 50. Jahrestag des Ungarnaufstandes oder die Wahl des südungarischen Pécs zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Das opulente „Kulturjahr“ umfasst Ausstellungen zu Bildender Kunst und Architektur, Filme und Konzerte, eine Theaterwoche im HAU und natürlich Lesungen. Mit dem Nobelpreisträger Imre Kertész, mit Terézia Mora oder Péter Esterházy. Den Anfang aber machte am Samstag in der alten Akademie der Künste am Hanseatenweg die Königsdisziplin, die Philosophie.

Zumindest war sie das einmal. Als sie zur „Ingenieurswissenschaft“ der Geschichte aufstieg und die innere Logik des historischen Prozesses aufzudecken glaubte. Über diese Machtergreifung der Philosophie staunt Rüdiger Safranski noch immer. Gemeinsam mit Ágnes Heller war er von György Dalos zum munteren ungarisch-deutschen Ideenaustausch geladen worden. Ein „falscher Prophet“ sei Marx gewesen, sagte die Ungarin, die dessen Philosophie am eigenen Leib erfahren hat. Sie gehörte zur „Budapester Schule“ von Georg Lukács, der in der Regierung Imre Nagy kurzzeitig Kulturminister war, bevor sowjetische Panzer den Sonderweg eines reformierten Kommunismus 1956 niederwalzten. Philosophie als „Volksbeglückung“ zu betreiben, gar als aufklärerisches Projekt der Weltveränderung, liegt Heller wie Safranski fern. Safranski sieht die Aufgabe des Faches vielmehr als „intervenierende Tätigkeit zur Verhinderung von Torheiten“. Da gebe es viel zu tun. Etwa angesichts der Illusion, eine unsichtbare Hand werde die Globalisierung schon richten. Oder wenn man glaubt, Werte könnten durch dauerhaftes Einreden im Ethik-Unterricht erzeugt werden. Die europäischen Werte, so Ágnes Heller mit Verve, müssten aber verteidigt werden. Und zwar nachdrücklich, denn „wenn wir für nichts sterben wollen, leben wir auch für nichts“. Das klingt radikal. Doch es ist die lebendige Erfahrung von Tyrannei und Totalitarismus, das Bewusstsein, dass die Welt ein „gefährlicher Platz“ ist, die Ungarn ins vereinte Europa einbringt.

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