Kultur : Falscher Wald

Meyer Riegger: Malerei von Armin Boehm.

von
Collage Berlin
Collage Berlin

Am Ende einer müden, betrunken-verlogenen Abendgesellschaft öffnet einer der Gäste sein Herz: Er sehne sich nach einem Rückzug in die unberührte Natur. Nach „Wald, Hochwald, Holzfällen“. So heißt es in dem Roman „Holzfällen“ von Weltverächter Thomas Bernhard.

Diese drei Worte hat sich Armin Boehm für seine Ausstellung in der Galerie Meyer Riegger ausgeliehen. Die Sehnsucht spricht noch aus seinen Gemälden (5000-34 000 Euro), aus den endlosen Weiten der Landschaft, den blattlosen Bäumen, die ihre Äste wie Wurzeln in den Himmel graben und aus den tristen Gesichtern der Menschen in der Stadt. Aber unberührte Natur gibt es nicht. In den Stadtbildern des 1972 geborenen Berliner Künstlers und ehemaligen Meisterschülers von Jörg Immendorff drängen die Passanten aneinander, die Architektur schiebt sich dazwischen, Leuchtreklamen und Litfasssäulen verschränken sich zu einer Kulisse, aufgelöst in bunte Facetten.

Das erinnert an Großstadterfahrungen, wie sie George Grosz oder Max Beckmann festgehalten haben. Boehm malt seine vertraute Umgebung um den Rosa-Luxemburg-Platz, dort hat er sein Atelier. Das Gebäude von Roger Bundschuh mit seiner dunklen, spitzwinkligen Fassade ist angedeutet, ebenso ein blaues Schild der U-Bahn. Ähnlich wie der Ich-Erzähler bei Bernhard gibt es einen Beobachter – aber kein Abbild der Realität. Die dargestellten Menschen tauchen in mehreren Bildern als Schablonen auf.

Wie Fremdkörper wirken auch die flächigen, schematischen Draufsichten von Siedlungen, die Boehm in karge Landschaften setzt. Patchworkartig fügt er gerissene und geschnittene Stofffetzen zu kubistischen Gebilden zusammen und klebt sie auf einen Untergrund aus Staub, Glitzerpartikeln und Öl. Das Rätselhafte und Düstere in seinem Werk kommt nicht zuletzt aus dieser reizvollen, kontrastreichen Mischtechnik. Wie gern würde man einmal die Oberfläche nicht mit den Augen sondern mit den Händen abwandern! Boehm stellt bereits zum fünften Mal in der Galerie aus. Neu ist, dass er manche Bildflächen nur noch mit Collagen füllt und gar nicht mehr bemalt.

Die Galeristen hatten zum Gallery Weekend einen weiteren Raum gemietet. Dort zeigten sie Konzeptuelles von Jonathan Monk, Helen Mirra, Katinka Bock und Scott Miles. Einen größeren Gegensatz zur sinnlich erfahrbaren Kunst des Malers Armin Boehm kann man sich kaum vorstellen. Anna Pataczek

Galerie Meyer Riegger, Friedrichstr. 235; bis 26. 5., Di - Sa 11 - 18 Uhr

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