Falstaff an der Deutschen Oper : Coole Wampe, heißes Herz

Regisseur Christof Loy interessiert bei seiner Inszenierung von Giuseppe Verdis „Falstaff“ an der Deutschen Oper Berlin vor allem die ungebrochene Jugendlichkeit des korpulenten Titelhelden.

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Regisseur Christof Loy.
Regisseur Christof Loy.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es geht ja alles so schnell. Plötzlich ist er da, der 40. Geburtstag. Oder der 50. Und bevor man sich klar wird, was das bedeutet, kommt schon die nächste Null. Tröstlich allein, dass der Mensch in der Regel nicht synchron ins Alter hineinrutscht. Der Körper ist schon weiter, der Geist verharrt noch, fühlt sich jung, vielleicht ein Leben lang. Zum Beispiel Falstaff: Weiß der Held von Verdis letzter Oper, dass er alt ist? „In manchen Augenblicken schon“, glaubt Christof Loy. „Wenn er müde ist. Wenn der Körper nicht mehr mitmacht. Dann spürt, er wie die Uhr tickt.“ Aber eigentlich fasziniert den Regisseur an der Figur gerade das Gegenteil: wie viel Jugendlichkeit im Grunde noch in diesem dicken Ritter steckt. Der ja, ein bisschen, auch Reflexion des alt gewordenen Verdi über sich selbst ist. Nicht in dem Sinn, dass sich Verdi hier selbst darstellen würde, das wäre hoffnungslos überinterpretiert. „Aber in einem umfassenderen Sinn gibt es schon Parallelen“, meint Loy. Da blickt jemand zurück, der glorreiche Zeiten gesehen hat. Der der Welt immer noch was zu sagen hat.

Zur Jugendlichkeit von Falstaff fällt dem Regisseur eine kleine Geschichte ein. Kürzlich hat er in Schweden gearbeitet – „ein wunderbares Land“. Aber sobald die Leute in Rente gehen, und das tun sie dort sehr früh, nivelliert sich ihr Gefühlshaushalt unheimlich schnell. Sie altern. „Dort habe ich gemerkt, was Jugendlichkeit eigentlich ausmacht“, sagt Loy. „Eine möglichst große Bandbreite an Gefühlen.“ Und die hat Falstaff: Impulsivität, Temperament, Unerbittlichkeit, Aggressivität, aber auch zarte Sensibilität im Umgang mit Frauen. Eine extreme Spanne. „Falstaff weiß: Seine geistigen Fähigkeiten sind voll da, seine Freiheit ist unangetastet. Dieses Wissen macht ihn attraktiv“, findet Loy.

Mit Markus Brück wird er einen wunderbaren Sänger-Darsteller zur Verfügung haben (Anmerkung der Redaktion: krankheitsbedingt übernimmt Noel Bouley die Rolle). Die Rolle ist ein Debüt für Brück, und genau das wollte Loy: keine Routine. Keinen Sänger, der schon vorher genau weiß, wann die Leute lachen. Stattdessen: Spontanität, Direktheit. Einen dicken Bauch wird Brück natürlich tragen. Aber, und das ist neu: Den wird er auch ablegen, in Momenten, in denen er sich leicht fühlt, in denen er den Körper nicht als Last empfindet. Ein Kunstgriff. Ob das vor ihm schon mal ein Regisseur gemacht hat? Loy weiß es nicht. Er studiert kaum aktuelle „Falstaff“-Inszenierungen, dafür viele historische. Um aus ihnen zu lernen, wie man genau und präzise ist. Wie die Sprache florettgleich durchs Stück schneidet. „In vielen zeitgenössischen Inszenierungen habe ich vor lauter Hin- und Herrennen nichts mehr vom Stück begriffen. Die pure Geschichte ist mir lieber.“

Mit unglaublichen 14 Jahren hat Christof Loy begonnen, Opernregie an der Folkwang-Hochschule in Essen zu studieren. München ist heute sein Lebensmittelpunkt. Er schätzt und braucht das fast schon mediterrane Lebensgefühl. Aus dem gleichen Grund hat er bisher auch keine große Affinität zu Berlin entwickelt. „Falstaff“ ist erst seine zweite Regie an der Deutschen Oper, nach „Jenufa“ (2012). Geholt hat ihn Donald Runnicles, den er noch aus seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Freiburg kennt. 1992 war das, und ungefähr zur gleichen Zeit hat Loy auch zum ersten Mal den „Falstaff“ inszeniert, an der Opera Zuid in Maastricht. Wie hat sich seine Sicht aufs Werk seither verändert, was macht er heute anders? „Ich konnte damals vor allem mit der Komik im ,Falstaff’ wenig anfangen“, erzählt er. „Als junger Mensch will man ja immer nur Tragödien inszenieren.“

Heute denkt er anders, und auch die Bürger von Windsor – Ford, seine Gattin Alice, Mrs. Quickly – beurteilt er nicht mehr so streng. Damals witterte er bei ihnen sofort alle Auswüchse der Spießigkeit. Das sieht er nun entspannter. „Was die alles veranstalten, das ist doch fantastisch. Völlig verrückt.“ Es hat eben auch seine Vorteile, älter zu werden.

Premiere 17.11., 18 Uhr. Auch 22. und 29.11., jeweils 19.30 Uhr

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