Kultur : "Falstaff": Die Wäsche regnet auf Windsor herab

Sybill Mahlke

Werkstattbühne Nationaltheater. Es tut sich was hinter dem Schleiervorhang, während im Saal noch das Einlasslicht herrscht. Der Regisseur Eike Gramss und sein Bühnenbildner Gottfried Pilz erreichen mit dem spielerisch offenen Beginn, dass der Zuschauer sich keine Illusionen macht. Um das Extrem altenglischer Fachwerkhäuser zu meiden, tritt das Regieteam die Flucht nach vorn an und beharrt auf der kahlen, runden Scheibe, Wieland Wagners Welttheater.

Ob sie für "Falstaff" taugt, muss nach dieser Probe bezweifelt werden. Denn die Szene schluckt das Stück, die Feinheiten des musikalischen Parlandos wie der Personenführung, die Gramss sich ausgedacht hat. Zum Beispiel der Dialog zwischen dem Titelhelden, den die Leute von Windsor Fettsack, Weinschlauch, Saufbold und Trommelbauch schimpfen, und dem Ehemann Dr. Ford. Gramss macht daraus eine Komplimentierszene der Scheinheiligkeit, ein Ehrenhalber-Spiel um den einzigen Sessel auf der Bühne, das für den unbehausten Ritter wie für den eifersüchtigen Verteidiger der Ordnung spricht. Die reale Welt ist voll von Fords. Wäre sie voller Falstaffs, herrschte die Anarchie. Sir John ist bei Gramss dennoch der respektable Vertreter eines feudalen Systems.

Dieser fette Mann ist eitel und hält auf sich, indem er seine Füße oft und gern in der einfachen Zinkwanne badet, die ihm im Gasthaus zum Hosenbande verblieben ist. Dem nach Otello-Art tobenden Ford, wie ihn Lucio Gallo in dem Eifersuchtsmonolog heraufzubeschwören weiß, antwortet mit grazilen Gavotte-Schrittchen der Dickwanst. Als eingebildeter Freier um Fords Frau Alice betritt er die Bühne nicht - nach landläufiger Fehlinterpretation - "herausgeputzt wie ein Pfau" -, sondern feingemacht mit einem Kleid, in das nur er passt, schottengrünes Tuch mit blitzend roter Seide. Rollenerprobt, wie Bernd Weikl ist, gewinnt er das Premierenpublikum. Ohne Wäschekorb und Wandschirm kann es nicht gehen im Hause Ford. Nach einem surrealen Wäscheregen aus dem Schnürboden lässt Gramss seinen Helden noch in der Themse unter den Fischen schwimmen: ein hübscher Moment.

Und doch: die Details wollen sich zum großen Blick auf Giuseppe Verdis grandioses Spätwerk nicht fügen. Wie die Partitur mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Zubin Mehta gleitet auch die Inszenierung ins Pauschale. Von Claudio Abbados Berliner Silvester-Aufführung verwöhnt, vermisst das Ohr in Mehtas "Falstaff", trotz Schönheiten im Einzelnen, zu vieles: lateinisches Leuchten, Präzision des Frauenquartetts und des Männerquintetts in dem berühmten Parlando-Hickhack des ersten Akts, rhythmische Standfestigkeit in der Koordination von Bühne und Orchester, Helligkeit. Wer sich erinnert, wie Mehta kürzlich der Uraufführung von Aribert Reimanns "Bernarda Albas Haus" seine ganze Sensibilität zugewendet hat, kann über diese Nachlässigkeiten nur staunen. Während bei Abbado Sänger und Sängerinnen aus vieler Herren Länder bewundernswert zum Ensemble zusammenwuchsen, scheint hier jeder für sich zu kämpfen. Nanetta und Fenton erscheinen als brave Kinder der bürgerlichen Ordnung: Elizabeth Futral und Rainer Trost, dessen Tenor leider früh an Schmelz verliert. Marjana Lipovsek als Mrs. Quickly ist so komödiantisch präsent wie stimmlich auf der Kippe. Die lustigen Weiber neben ihr, Adrianne Pieczonka und Patricia Risley, tummeln sich auf der Drehscheibe, blasse Charaktere ähnlich wie Anthony Mee und Anatoli Kotscherga, die den Spießgesellen Falstaffs weniger Farbe geben, als ihnen andernorts möglich ist. So hinterlässt der Abend, allem Jubel für Weikl, Gallo, Gramss und Mehta zum Trotz, als erste Verdi-Neuinszenierung des Verdi-Jahres an einem hoch subventionierten Haus gemischte Gefühle.

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