Kultur : Falten und Fallen

Thor Kunkels Roman „Endstufe“ handelt von Nazi-Pornos. Kurz vor Druckbeginn trennt sich Rowohlt nun vom Autor

Marius Meller

Nazis, Pornografie und Gewalt – sind das nicht zuviel der Reizthemen in einem Roman? Offenbar nicht für den Berliner Schriftsteller Thor Kunkel, Jahrgang 1963, der vor vier Jahren mit dem in Klagenfurt prämierten 650-Seiten-Roman „Schwarzlicht-Terrarium“ debütierte und weithin gefeiert wurde. Will hier ein Schriftsteller – so möchte man zunächst fragen – die Schraube des Bizarren durchdrehen, schielt hier einer auf die guten Verkaufschancen eines möglichst perversen literarischen Sujets?

Der Rowohlt Verlag hat nun jedenfalls Kunkels neuen Roman „Endstufe“ letzte Woche unmittelbar vor der Drucklegung gestoppt. Auf die Ankündigung des Buches in der Frühjahrsvorschau des Verlags sollen bereits besonders zahlreiche Vorbestellungen eingegangen sein. „Endstufe“ sollte pünktlich zur Leipziger Buchmesse Mitte März erscheinen. In einer Erklärung des Verlags heißt es zur Begründung des späten Rückziehers nun lapidar: „In der letzten Phase der Lektoratsarbeit an dem Roman ,Endstufe‘ haben der Autor Thor Kunkel und der Verlag in einigen inhaltlichen und ästhetischen Fragen keine Einigung erzielen können und beschlossen, das Vertragsverhältnis aufzulösen.“

Für den Autor, der drei Jahre lang nach weitläufigen Recherchen an „Endstufe“ gearbeitet hat, ist das zweifellos eine Katastrophe. Dass ein Verlag sich gegen ein Buch entscheidet und sich von einem Autor trennt, ist jedoch legitim und nichts Ungewöhnliches. Aber ist es höchst ungewöhnlich, dass eine solche Entscheidung erst im letzten Moment getroffen wird, kurz bevor das Manuskript in den Druck gehen sollte. Nach Aussage des Autors lag sein Text bereits im Juni 2003 komplett vor, inklusive der offenbar besonders umstrittenen letzten Kapitel. Der Verlag behauptet, es sei erst im November zum Lektorat dieser Passagen gekommen.

Wie auch immer – die Nerven bei Rowohlt liegen blank. Verlagschef Alexander Fest will sich zu seiner Entscheidung inhaltlich nicht äußern, „auch um dem Autor nicht zu schaden.“ Das mag guter Stil sein, schadet dem Autor natürlich trotzdem. Fest, der auch Chef des Kindler Verlags ist, hatte in den letzten Wochen schlechte Presse über das angeblich weitgehend erfundene und deshalb zurückgezogene Buch einer ehemaligen Mossad-Agentin „Ich musste auch töten“. Der Stil der Fernseh- und Presseberichte über die Affäre war gewiss ein schlechter; Zitate aus Interviews mit Alexander Fest wurden willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Dennoch ist es zumindest bedenklich, dass der Verleger in diesem neuen Fall nicht etwas präziser sein will.

Seinem ehemaligen Autor Thor Kunkel ist es zu wünschen, dass er nun schnell einen neuen Verlag findet, der „Endstufe“ sorgfältig zu Ende lektoriert und sich auch um die nächsten Bücher des hochbegabten Autors kümmert. Denn nach dem großartigen „Schwarzlicht–Terrarium“, einem kunstvoll-sarkastischen Horror-Szenario aus dem Frankfurt der späten Siebzigerjahre, hat er großen Kredit in der Literaturwelt.

Sensationsgier ist Thor Kunkel mit „Endstufe“ jedenfalls nicht zu unterstellen, kennt man Werk und Autor. Das neue Buch soll auf realen Begebenheiten basieren und ist thematisch wohl eine Fortsetzung seiner früheren Bücher: Sein Projekt ist die Kritik von Wissenschaft, wenn sie zur inhumanen Ideologie wird. Ein höchst aktuelles Thema. Der Blick dieser Art von Wissenschaft auf die Natur, so der Autor, sei im Grunde pornographisch. Um die symbolische Engführung von biologistisch-naturwissenschaftlicher Nazi-Ideologie und Pornographie gehe es in „Endstufe“. Keine schlechte Idee für einen Roman, möcht man meinen.

Nach einem Hinweis von Alexander Kluge stieß Thor Kunkel bei einem Sammler auf Pornostreifen, die im Nazideutschland der Jahre 1940/41 von einer Tarnfirma namens „Sachsenwald-Naturfilme“ gedreht wurden. Die Pornofilme tragen Titel wie „Waldeslust“ oder „Der Fallensteller“. Angeblich sollen diese Filme mitten im Krieg gegen Rohstoffe aus dem Ausland eingetauscht worden sein. Kunkel besuchte Kameraleute und traf sogar eine der Porno-Darstellerinnen von damals in einem Altersheim. In Kunkels Roman führen die Produzenten der so genannten „Sachsenwaldfilme“ im prüden Nazi-Deutschland ein drogenseliges, zynisches Doppelleben als Wissenschaftler der SS am Berliner Hygiene-Institut.

Natürlich bewegt sich das Schreiben über ein solches Sujet und mit diesem Anspruch auf vermintem Gelände. Vieles kann dabei schieflaufen. Und glaubt man dem Rowohlt Verlag, ist Kunkels Projekt bereits schiefgelaufen. Aber über noch nicht veröffentlichte Bücher spricht die Kritik kein Urteil.

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