Kultur : Faltenspiele

Das Verborgene Museum entdeckt die Experimentalfotografin Henriette Grindat

Jakob Wais

Das „Verborgene Museum“ macht seinem Namen wieder alle Ehre: Das kleine Institut in einem Charlottenburger Hinterhof entdeckt eine Künstlerin neu: Henriette Grindat (1923 bis 1986). Gezeigt werden 100 Aufnahmen der Schweizer Fotografin, die geradezu besessen scheint von grafischen Formen. Ihre Motive sind geprägt vom Spiel aus Linien und Formen. Animiert hatte sie dazu ihre Lehrerin an der „École de photographie de Suisse romande“ in Lausanne, die Experimentalfotografin Gertrude Fehr, die sie in die surrealistischen Bildwelten einführte. Ende der vierziger Jahre geht Grindat schließlich selbst vorübergehend nach Paris, wo sie Breton, Brassai und Camus trifft. Es entstehen Fotogramme, Collagen, Mehrfachbelichtungen.

In den Fünfzigern entdeckt die Künstlerin das Reisen für sich. Immer wieder fährt sie an Stätten des Mittelmeers, besucht Algerien, Spanien, Italien, Griechenland und Ägypten. Und doch arbeitet sie nicht dokumentarisch. Nur selten verirren sich Bewohner der Regionen in ihre Bilder. Lieber zeigt sie Verwitterungen in alten Steinen, den brüchigen Lehmboden Algeriens oder verwehte Dünen der Wüste. Venedigs heruntergekommene Gemäuer verleihen den Bildern einen morbiden Charme. Bei den zerfurchten Gesichtern alter Männer geht es ihr weniger um deren Porträt, als um die Textur der Haut. Ein anderes Mal fängt sie das Faltenspiel der Gewänder verhüllter Frauen ein. Die Struktur der Aufnahmen wirkt so plastisch, dass der Betrachter glaubt, die Linien mit dem Finger nachfühlen zu können.

In ihren Kompositionen bleibt Henriette Grindat, die zu den wichtigsten Vertreterinnen der Schweizer Kunstfotografie gehört, bis zuletzt dem Surrealismus treu. In der Ausstellung befindet sich auch ein Selbstporträt. Über eine Zigarette hinweg blickt die Künstlerin skeptisch auf den Betrachter, als erwarte sie ein Stirnrunzeln von ihm. Jakob Wais

Verborgenes Museum, Schlüterstr. 70, bis 30. 1.; Do-Fr 15-19 Uhr, Sa-So 12-16 Uhr.

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