Kultur : "Fama": Geheime Dynamik - Warum Gerüchte spannend sind

Tanja Cummings

Ein Fernsehzuschauer gleicht einem Soldaten nach dem Gefecht. Beide warten, der eine gelangweilt in seinem Graben, der andere in seinen eigenen vier Wänden. Beide befinden sich im Zustand permanenter Neugierede und zugleich relativer Muße. Der Soldat sucht seine Isolation zu überwinden und begibt sich zur Feldküche. Hier gibt es Neuigkeiten zu hören. Ähnlich, so denkt man sich nach Lektüre Hans-Joachim Neubauers Buchs, ergeht es einem, der den Fernseher einschaltet oder das Programm wechselt.

Gerüchtemacher Fernsehen

Nicht nur Kriege und Schlachten entzogen sich immer schon "objektiver" Beschreibung, sondern auch alles, was dem Zuschauer im Fernsehen dargeboten wird: "Nichts" wird begriffen, "nichts" gesehen und man war doch dabei.

Das Gerücht, Nachrichten, das transpersonale, anonyme und zugleich ins Private hinein flutende "man sagt... " erheben den Anspruch auf Nachprüfbarkeit nicht. Selten verlangt eine skeptische Stimme nach dem Urtext des Textes. Fernsehen, wie der Tratsch, sind nicht mächtig durch das, was man ihren Wahrheitsgehalt nennt. Je weniger man erfährt, desto dichter ist man am Geschehen; um so glaubwürdiger ist es.

Nicht nur im Fernsehen wirkt das Gerücht, wie Neubauer beschreibt, sondern auch im alltäglichen, uralten Gespräch zwischen Friseur und Kunde, bis hin zum hypermodernen Chat.

Gerüchtemacher Friseursalon

Je extremer die Anekdote, desto hartnäckiger hält sie sich, und um so mehr Menschen spricht sie an. Einmal in die Welt gesetzt, wirken nur die Zeit oder eine neue noch gewaltigere Geschichte gegen sie, vielleicht zuweilen auch eine vernünftig klingende, alle Spannung lösende Richtigstellung. Je unsicherer desto bedeutsamer erscheint das Gerücht. Nichts ist so lau wie besiegelte, allseits beschlossene Wahrheit, nichts so dröge wie ein von allen erwarteter, Schiedspruch. Nichts ist so dynamisch wie das Geheimnis.

Gerüchtemacher Feldküche

Der Frontsoldat in seinem Graben, sodann in der Feldküche, und der Fernsehzuschauer sind abgeschnitten von "verlässlicher" Information, obwohl oder gerade weil es ja keinen Mangel an Information gibt. Werden dem Soldaten im Krieg durch Militärzensur Informationen vorenthalten, so unterliegt der Fernsehzuschauer einer subtileren Form der Zensur. Denn diese wird konsumiert, und ein Wohlgefühl begleitet das Geschehen. Den einen werden die Dinge mundgerecht zurecht geschnitten, andere genießen die schlichte Menge des Servierten.

Neubauer ist kein Kulturpessimist, der nur den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit vor Augen hat und das immer schon machtvolle Wirken des Gerüchts als Hemmnis anerkennen muß. Zu entrinnen ist dem Gerücht nur durch List: Zappen, was das Zeug hält, um sich den Brei nicht von vielen Köchen verderben zu lassen.

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