Kultur : Familie im Sparrausch

CHRISTOPH FUNKE

Sabine Thieslers "Lottoglück" im Hansa-Theater uraufgeführtVON CHRISTOPH FUNKEGeld macht gewiß und unwiderruflich nicht glücklich.Sagt Sabine Thiesler.Oder: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.Nämlich Wirtschaften im großen Stil, mit einer Million oder so.Weshalb eine brave, mehr oder weniger arbeitsame Familie durch den ganz großen Gewinn, das seit Jahrzehnten ersehnte Lottoglück, in den Untergang taumelt.Oder fährt, erst auf einer Harley Davidson, dann fachmännisch eingegipst im Rollstuhl wie Baupolier und Wohnstuben-Patriarch Rudi.Tragisch das, aber natürlich nimmt es die Autorin heiter.Und mit einem amüsanten Trick.Sie stürzt Vater, Mutter, Tochter, Schwiegersohn nicht in einen Kauf-, sondern in einen Sparrausch.Rudi will nämlich nicht mehr arbeiten und von keinem mehr Geld annehmen, auch von Rentenübervater Blüm nicht.Also rechnet er aus, wieviel der Millionen-Gewinn täglich hergibt, wenn er vierzig Jahre lang reichen soll.Und das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel. Auf die Ambivalenz zwischen der Normalität und der vom Glückseinbruch unwiderruflich hervorgerufenen Fremdbestimmung kleinbürgerlichen Daseins sind Stück und Inszenierung gebaut.Verblüffend gelingt das, wenn Rudi fast schläfrig die von ihm getippten Zahlen aus dem Fernseher herausklaubt, wie in Trance, während die Frau ahnungslos und unansprechbar mit einer Bekannten telefoniert.Wenn dann endlich das Paar weinend auf dem Sofa ineinandersinkt, erschöpft und wie aus der Welt genommen, kündigt sich das Bedrohliche des Unerwarteten auf eine fast schon erschreckende Weise an.Sonst setzt Sabine Thieler in ihrem Stück "Lottoglück" auf das behagliche, ja zeitraubende Beschreiben einer Familie, die nach uralten Mustern funktioniert - alleinbestimmender Vater, pausenlos rennende, kochende, dienende Mutter, aufsässiger Schwiegersohn, naive, sich in Mutterfreuden flüchtende Tochter.Die Autorin und der Regisseur Klaus J.Rumpf lieben die Pausen, um aus solch verdächtiger Ruhe in das wilde rhetorische Gemetzel um familiär kleingehackte soziale und pekuniäre Konflikte kommen zu können.Und noch einer liebt diese Pausen: Hans-Werner Bussinger, der Darsteller des Rudi.Dann nämlich hält er auf ganz eigentümliche Weise sein Gesicht hin, zeigt Staunen, Warten, Versunkensein, Angst und Triumph.Da arbeitet jeder Muskel, eine "Landschaft" tut sich auf, die von allen Daseinsabenteuern Zeugnis gibt. Um diesen kräftigen, schweren Kerl herum machen Luise Linow (Mutter Gerda), Dirk Bublies (Holger) und Natascha Kespy (Susi) das Familienparadies perfekt, mit einer spürbaren Lust an maßvoller Übertreibung.Das Stück Leben, das da in der Ausstattung von Rainer Schöne (Bühne) und Gabi Klinke (Kostüme) auf die Bretter gestellt wird, hat einen gesunden Realitätssinn.Spott und Liebenswürdigkeit halten sich geschickt die Waage, es ist an Kritik nicht gespart, aber jeder darf die Bosheiten (über seinesgleichen?) genießen.Kräftiges, deftiges, geschickt gemachtes Theater, das sich als solches gern zu erkennen gibt - und auf einen gemäßigt zuversichtlichen Ausgang aus allen geschilderten Wirrnissen natürlich nicht verzichtet.Herzlicher Beifall. Aufführungen vom 11.bis 13., vom 15.bis 19.und vom 22.bis 26.April, 20 Uhr.

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