Kultur : Familien: Arm durch Kinder?: Nur das Nötigste zum Leben

Bernd Hops

Während die Bundesregierung für Deutschland einen Armuts- und Reichtumsbericht vorlegt, versuchen Menschen aus Afrika oder auch Osteuropa hierher zu gelangen - denn für sie ist Deutschland ein reiches Land. Armut ist also relativ und hängt davon ab, welche Maßstäbe angelegt werden. Menschen in der Dritten Welt leiden oft unter absoluter Armut. Ihnen fehlt das Nötigste zum Leben. Solche existenzbedrohende Armut ist in den reicheren Industriestaaten äußerst selten. Trotzdem gibt es Armut - so genannte relative Armut.

Der materielle Wohlstand in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten quer durch alle Einkommensschichten stark gestiegen. Hunger muss hier - jedenfalls theoretisch - niemand leiden. Das soziale Netz ist eng gestrickt. Für fast alle Bürger ist eigener Wohnraum, eine Waschmaschine, Telefon oder ein Fernseher selbstverständlich geworden. Armut ist jedoch nicht verschwunden. Denn untere Einkommensgruppen fühlen sich gegenüber Besserverdienenden benachteiligt. Trotz gestiegener Löhne und Sozialleistungen empfinden sich viele weiterhin - subjektiv - als arm, obwohl sie in der Regel "reicher" sind als ein Armer noch in den 80er Jahren.

Die Europäische Gemeinschaft legte 1984 eine Definition fest, an der sich auch die Bundesregierung orientiert. Arm sind danach diejenigen, "die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist".

Es gibt zwei Wege, eine Orientierungsgröße bei der Abgrenzung von unzureichenden gegenüber ausreichenden Einkünften zu errechnen: über das Durchschnitts- oder über das mittlere Einkommen (Median). Ins Durchschnittseinkommen werden Ausreißer nach oben und unten mit eingerechnet, was das Gesamtbild verzerren kann. Repräsentativer ist deshalb der Median, also das Einkommensniveau, das am häufigsten vorkommt und den Lebensstandard eines Landes am besten widerspiegelt. Meist gilt derjenige als arm, der weniger als 50 Prozent eines Durchschnitts- oder mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Die Bundesregierung hat daraus ein steuerfreies Existenzminimum abgeleitet, das für das Jahr 2001 für erwachsene Einzelpersonen bei 12 804 Mark, bei einem Paar bei 21 780 Mark liegt. Für jedes Kind erhöht sich der Betrag um 6768 Mark.

Bei der Armut von Kindern spielen fehlende Entwicklungschancen eine ähnlich wichtige Rolle wie fehlende materielle Mittel. Kinder leiden nicht nur unter einer Unterversorgung, wenn es an Geld für die einfachsten täglichen Bedürfnisse wie Kleidung und Nahrung fehlt, sondern auch dann, wenn sie nicht genügend Möglichkeiten haben, ihre intellektuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn sie in der Familie Gewalt ausgesetzt sind oder vernachlässigt werden. Oder in ihrem Umfeld gesundheitlich gefährdet sind. Andererseits zeigen Untersuchungen: Viele Kinder empfinden sich nicht als arm, obwohl der materielle Wohlstand der Familie unter die Armutsgrenze fällt. Soziale Geborgenheit kann offensichtlich materielle Defizite teilweise ausgleichen.

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