Kultur : Familien-Koller

ROLAND BERG

Der Abend mit Familie in der heimischen Bibliothek.Vor dem brennenden Kamin die Kinder beim Kartenspiel, die jüngste Tochter am Boden in einen Band über den Maler Botticelli vertieft, der pubertierende Sohn in der Pose des Melancholikers schmachtend über dem Foto seiner Angebeteten und zu guter Letzt, die Eltern: die Dame des Hauses reicht ihrem Gatten die obligatorische Tasse Tee.Der nimmt sie über einem Buch im Sessel sitzend comme il faut im Jackett entgegen.Auf den Fotos der Pariserin Anne Testut spielt die Bourgeoisie das Leben als Theater.Die Pose, das Arrangement, die Szene - all das wirkt künstlich, steif, auf Haltung bedacht.Der Zwang zur Idylle wird übererfüllt.Nur der Ausdruck in den Gesichtern sieht schon ein bißchen abgespielt aus; schließlich gibt man die Rolle schon länger.Die mit großer Akkuratesse in Szene gesetzte und künstlich beleuchtet Schwarzweiß-Aufnahme könnte von einem modernen Vermeer stammen: der gleiche Guckkasten auf das bürgerliche Interieur, die nämliche Komposition mit den Akteuren vor dem Blick von der unsichtbaren vierten Wand.Mit dem Zyklus "Descendance - liquidation définitive" hat Anne Testut in der Galerie in der Brotfabrik (Prenzlauer Promenade 3, bis 25.September; Mittwoch bis Sonntag 16-21 Uhr) ihre eigene Kindheit thematisiert.Zwischen den Reinszenierungen des familiären Dramas und den leergeräumten Farbaufnahmen des zum Verkauf stehenden einstigen Zuhauses liegen zehn Jahre.Was bleibt von damals, sind die inzwischen verschlissenen Kulissen und die Leere.Die Szene spielt nun wahrscheinlich an einem anderen Ort, und die Ensemblemitglieder haben neue Rollen gefunden.

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