Kultur : Familienbande

Die neuen Fellows der American Academy

Rüdiger Schaper

Wenn man erleben will, wie gut es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen steht, dann fahre man zum Wannsee. Die American Academy empfängt mit einer Gastfreundschaft und Offenheit, die deutschen Akademien eher abgeht. Man unterhält sich dort mit klugen Menschen, die mit überraschenden Forschungsprojekten nach Berlin gekommen sind. Wenn man aber erfahren will, wie schwierig der geschätzte transatlantische Dialog auch ist, dann muss man amerikanischen Regierungsvertretern zuhören, die länglich betonen, wie gut es doch um das Verhältnis beider Länder bestellt sei.

Der amerikanische Botschafter William R. Timken – er wird im Dezember Berlin verlassen – irritierte bei der Vorstellung der Herbst-Fellows in der Academy mit einer scharfen politischen Rede zur Kaukasus-Krise. Die russische Vorgehensweise sei ein „Anschlag“ auf die Nato und die EU, Moskau wolle den Westen zu einem Handel „Demokratie gegen Energie“ bringen. Vor diesem Hintergrund bekommt Timkens Academy-Lob – sie bringe das Beste und die Besten aus Amerika hierher – besonderes Gewicht.

Es ist im Grunde die klassische Arbeitsteilung: Politiker verspielen Image und Beziehungen – Wissenschaftler und Künstler halten die Verbindung, bauen Brücken. Holtzbrinck-Fellow Joel Agee hat als Kind in der DDR gelebt, jetzt ist er wieder einmal in Berlin und arbeitet in der Academy an einem neuen Roman. Auch Ha Jin, ein chinesisch-amerikanischer Schriftsteller, schreibt hier ein neues Buch; es dreht sich um Deutsche in den dreißiger Jahren in China.

Academy-Gäste beschäftigen sich in der Regel mit Fragen von deutscher oder europäischer Relevanz. Thomas Holt erforscht das Entstehen der Theorie von „Rasse“ vom Spanien des 15. Jahrhunderts bis hin zu den Nationalsozialisten, die sich, so sein verblüffender Hinweis, offenbar bei rassistischen Gesetzen der USA aus den zwanziger Jahren bedienten. Heide Fehrenbach untersucht die Veränderung des Familienbilds nach dem Zweiten Weltkrieg (die deutsch-amerikanischen Kinder mit GI-Vätern). David Sabean machte neugierig mit seinen Erkenntnissen zum Thema Inzest und Ehen mit Verwandten. Da haben sich über die Jahrhunderte Vorlieben und Tabus stark verändert. Sabeans Untersuchungsobjekt ist ein Dorf in Baden-Württemberg.

Das war nicht zu übersehen: Die Projekte im weiteren Umfeld von Gesellschaft und Familie, ob literarisch oder wissenschaftlich, überwiegen in diesem Herbst. Das passt in ein Haus, das auch eine Botschaft ist. Rüdiger Schaper

Am 14. 9. erscheint im Tagesspiegel eine Beilage zum Academy-Herbstprogramm.

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