Kultur : Familienbande

Allein in der Trash-Metropole: Super 700 machen Popmusik, die für Berlin viel zu schön ist

Andreas Hartmann

Jede unbekannte Band träumt davon: Man gibt ein Konzert und nach dem Auftritt stellt sich ein Typ vor, der sagt, dass ihm das gefallen habe, er möchte ein Album mit der Band aufnehmen. Er schiebt seine Visitenkarte rüber, darauf der Name Gordon Raphael.

Ja, so läuft’s manchmal wirklich. Gordon Raphael, das ist eine Garantie zum Erfolg. Denn der Produzent verwandelte ein paar New Yorker Jungs mit Namen The Strokes zu gefeierten Rettern des Rock. Der dreckige und schnörkellose Sound, den ihnen Raphael verpasst hatte, wurde zum Markenzeichen einer Epoche. Und dieser Mann hat tatsächlich das Debütalbum der vorher völlig unbekannten Berliner Band Super 700 produziert, das soeben erschienen ist. Die Platte ist gut geworden, obwohl sie mit dem rüden Punkrock der Strokes nicht das Geringste gemein hat – bis auf die Tatsache, dass Bassist Michael Haves dasselbe Instrument benutzte wie Nikolai Fraiture.

Sie gelten als Kritikerlieblinge. Trotzdem zeigen sich manche irritiert. Super 700 seien auf der Bühne besser als der Tonträger Glauben macht. Vielleicht ist die Platte ein wenig zu perfekt geraten, zu glatt und geschmeidig. Aber wer wollte das beurteilen bei einer Gruppe, die es einem schwer macht, sie einzuordnen. Zu viel kommt hier zusammen. Auffällig ist der Hang, möglichst viele Ideen in einen Song zu packen; da gibt es Bläsersätze, verspielte Keyboardläufe, mehrstimmige Gesänge. Am Ende weiß man oft nicht, wo man sich befindet. Jazzeinflüsse sind so unüberhörbar wie das, was ihnen Radiohead vorgemacht haben.

Super 700 machen es einem nicht leicht, und das könnte zu ihrem Problem werden. Berlin jedenfalls wirkt nicht so recht vorbereitet auf das Septett, das ganz anders als alles ist, was sonst aus dieser Stadt kommt. Bei Super 700 kleidet sich niemand in Hotpants und singt über Sex wie Peaches, auch werden nicht Nintendo- Sounds adaptiert wie bei Stereo Total. Der Gitarrist der Band kann wirklich Gitarre spielen, man hört das: in einer Stadt, in der Trash mehr gilt als Kunst, wird man da leicht misstrauisch beäugt.

Sie funktionieren als Kollektiv, das pyramidenförmig organisiert ist. An den Instrumenten stehen vier Jungs, auf Pressefotos sieht man sie meist schön brav im Hintergrund, davor ziehen drei Sängerinnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es sind Schwestern, zwei davon Zwillinge, die die Frontfrau Ibadet Ramadani mit ihren Backingvocals begleiten.

Familienbande in Popgruppen sind so eine Sache. Ob bei den Beach Boys, den Bee Gees oder Oasis, es gab immer wieder Zankereien, Animositäten und Eifersüchteleien. Bei Ibadet, Ilirjana und Albana Ramadani ist das nicht sehr viel anders, das geben sie offen zu. „Wir sind echte Drama-Queens“, sagt Albana . „Früher haben wir nach einem Streit die Bandproben ausfallen lassen, heute passiert uns das nicht mehr, weil wir dann noch besser singen.“ Vor den Plattenaufnahmen müssen die drei sich ausgiebigst in den Haaren gelegen haben, vor allem in Ibadet Ramadanis weicher Alt-Stimme liegt etwas Fiebriges, Laszives, das einen schnell gefangen nimmt.

Wenn man Ibadet und Albana Ramadani begegnet, spürt man, mit welcher Leidenschaft sie sich ihrer Sache, der Musik, hingeben. Die drei sind die Töchter albanischer Einwanderer. Musik habe schon immer eine große Rolle gespielt in ihrer Familie, sagen sie, und dass die drei sich nun, nachdem sie jahrelang in Deutschland verstreut gelebt haben – Ibadet versuchte sich in Amsterdam als Jazz-Sängerin – wieder in Berlin zusammengefunden haben, das sei für sie wie eine Bestimmung. Sie wissen, dass sie gut sind, aber noch besser werden können.

Am nächsten Tag steht Ibadet Ramadani schon wieder im Übungsraum. Alleine. Die anderen müssen arbeiten, doch neue Songs schreiben sich auch in einem so schönen Studio wie dem ehemaligen DDR-Rundfunkhaus nicht von selbst. Feste Jobs haben sie aufgegeben, sie leben vom Kellnern, Gelegenheitsjobs und der Hoffnung, bald ganz auf die Musik setzen zu können. In den drei Jahren, die es sie gibt, haben sie mehr erreicht als die meisten anderen, und doch geht es erst los.

Vielleicht nicht hier. Im Ausland aber soll man sehr gespannt sein auf diese deutsche Antwort auf Massive Attack.

Super 700, „Super 700“ ist bei Motor Records erschienen. Die Band spielt am 11. August auf der Insel der Jugend im Treptower Park.

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