Kultur : Familiengeschichte

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Die Geschichte von Joseph in Ägypten gehört zu den dichterischen Höhepunkten des Alten Testaments.Schon früh wurde sie literarisch ausgestaltet, und die Bearbeitungen reichen bis zu Thomas Manns monumentaler Roman-Tetralogie.Auch als Vorlage für Opern, Oratorien und Ballette wurde die Josephs-Legende immer wieder verwendet.Georg Friedrich Händels Oratorium "Joseph und seine Brüder" gehört zu den weniger bekannteren musikalischen Gestaltungen des Stoffes, obwohl es - 1743 entstanden - aus einer höchst erfolgreichen Schaffensperiode stammt.Unter Leitung von Gerhard Oppelt haben sich nun die Kantorei der Lindenkirche und das Ensemble Berlin Baroque des abendfüllenden Werkes angenommen.

Beeindruckend ist allen Beteiligten dieses große, ehrgeizige Projekt gelungen.Die Solopartien waren famos besetzt, allen voran durch den geschmeidigen Altus Ralf Popken als Joseph und die Sopranistin Stephanie Petit-Laurent, die mit entzückend natürlicher Stimme Asenath darstellte.Ihre Arie zu Beginn des zweiten Aktes, in der sie Josephs kluge Ratschläge für die siebenjährige Hungersnot preist, sowie das abschließende lyrische Duett mit Joseph gehörten zu den Höhepunkten der Aufführung im Kammermusiksaal der Philharmonie.Der Charakter des Oratoriums ist insgesamt wenig dramatisch; im Mittelpunkt steht die rührende bürgerliche Familiengeschichte, die in der Wiedererkennung und Versöhnung der Brüder gipfelt.Musikalisch ganz im Stile der aufkommenden Empfindsamkeit gingen hier vor allem die Ariosi von Joseph und seinem jüngsten Bruder Benjamin zu Herzen.Klangschön und genau sangen die Kantorei und der Berliner Mädchenchor, professionell und stilsicher begleiteten die Continuisten und Instrumentalsolisten von Berlin Baroque unter Leitung des Kantors und Organisten Gerhard Oppelt.

Seit 1997 ist Oppelt von der Landeskirche beauftragt, die Ruine der St.Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte als Konzertsaal für Alte Musik wiederaufzubauen und dort ein Fortbildungszentrum für Alte Musik zu gründen.Man darf dem Projekt viel Glück wünschen und hoffen, daß zahlreiche Begegnungen mit interessanten Werken wie diesem Händel-Oratorium aus ihm hervorgehen werden.



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