Familiengeschichten : Die Moltkes: Von Königgrätz nach Kreisau

Adel aus Mecklenburg: Zwei Bücher erzählen zum ersten Mal die Geschichte der Familie Moltke.

Hannes Schwenger
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Als Jochen Thies, Autor der Familiengeschichte „Die Dohnanyis“ – sich der Familie der Moltkes zuwandte, konnte er davon ausgehen, dass es „erstaunlicherweise bis dahin keine Gesamtgeschichte der Familie gab“. Jetzt gibt es gleich zwei, sogar mit dem gleichen Titel: Seine eigene beim Piper Verlag und eine zweite von Olaf Jessen beim Verlag C.H. Beck. Beide sind 2010 erschienen, beide großzügig illustriert und mit Stammtafel, Anmerkungen, Quellenverzeichnis und Register ergänzt und erschlossen. Während Jessens Studie etwas weiter ausholt – er zählt in Europa rund 1000 Träger des Namens und stellt mehr als ein halbes Hundert von ihnen vor; selbst der Mondkrater Moltke bleibt nicht unerwähnt –, konzentriert sich Thies auf fünf Porträts exponierter Familienmitglieder aus den letzten zwei Jahrhunderten.

Sein Untertitel „Von Königgrätz nach Kreisau“ verweist auf die in der neueren deutschen Geschichte bekanntesten Moltkes: Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800–1891), den Sieger der Schlacht von Königgrätz, und Helmuth James Graf von Moltke, den Hausherrn des „Kreisauer Kreises“ und Mitverschworenen des 20. Juli 1944. Der eine wurde zum Nationalhelden der deutschen Einigungskriege, der andere wurde als Nazigegner hingerichtet. Zwischen den Lebensbildern dieser zwei so gegensätzlichen Moltkes – des „Nationalhelden“ einerseits und des vermeintlichen „Volksverräters“ andererseits – platziert Thies die Geschichte des glücklosen jüngeren Helmuth Johannes Moltke, der, Generalstabschef wie sein Onkel, für die verlorene Marne-Schlacht im Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht wurde, und die Porträts der beiden eindrucksvollen Frauen um Helmuth James von Moltke, seine Mutter Dorothy und seine Frau Freya von Moltke. Ihrem Einfluss schreibt er die „Verwestlichung“ der politischen Orientierung der Moltkes zu, die sich immer weiter vom Nationalismus, Antisemitismus und Standesdenken der Moltke-Militärs im Kaiserreich entfernte.

In dieser Diagnose sind sich die beiden Familienhistoriker einig. Hatte noch Moltke der Ältere Sozialdemokraten nicht als Teil der Nation betrachtet und gegen Straßendemonstrationen „Hiebe und Schrapnells“ empfohlen, so verschwor sich Helmuth James in Kreisau mit Sozialdemokraten wie Carlo Mierendorff und Wilhelm Leuschner gegen Hitlers rückwärtsgewandten Nationalismus. Schon seine in Südafrika geborene Mutter war in kosmopolitischem englischen Geist erzogen, er selbst hatte in England studiert und seine Anwaltszulassung als Barrister erhalten. Seine Frau, eine promovierte Juristin wie er, war seine Mitwisserin und bis zu ihrem Tod im Januar 2010 in den USA Bewahrerin seines politischen Erbes. Nach Kreisau, das heute zu Polen gehört, ist sie in späteren Jahren besuchsweise zurückgekehrt, um den Erhalt des einstigen Familiensitzes als deutsch-polnische Begegnungsstätte zu unterstützen. Noch der ältere Moltke hatte sich für eine „Germanisierung“ der polnischen Bevölkerung im preußisch-deutschen Reich ausgesprochen. Ironie der Geschichte: Der Familienname Moltke leitet sich vermutlich aus dem slawischen „Moltek“ ab, und auch das Familienwappen deutet nach Ansicht von Heraldikern auf eine slawische Herkunft.

Dennoch liegen die Wurzeln der – durch den älteren Moltke – um Preußen so verdienten Familie nicht etwa in Kreisau, das er 1867 das durch eine Dotation des Königs für seinen Sieg in Königgrätz in seinen Besitz kam. Die Moltkes stammen vielmehr aus altem mecklenburgischem Adel; der bekannteste ihrer vier Stammsitze im „Toitenwinkel“ bei Rostock führt noch heute den Beinamen Moltke-Winkel. Das bis 1973 erhaltene Gutshaus wurde auf Anordnung der SED gesprengt. Im Dreißigjährigen Krieg finden wir mehrere Moltkes auf beiden Seiten, in schwedischen Diensten und unter Wallenstein. In den Schlesischen Krieg focht ein Moltke für Österreich gegen Preußen, und im deutsch-dänischen Streit um Schleswig-Holstein gerieten die deutsche und dänische Linie der Moltkes zwischen die Fronten. Ein Bruder des älteren Moltke stand in dänischen, er selbst übrigens in jungen Jahren in türkischen Diensten. In seinen mehrbändigen Gesammelten Werken hat er darüber berichtet.

Als Quelle sind sie allerdings kritisch zu lesen, wie Olaf Jessen anmerkt, denn der jüngere Moltke hat als ihr Herausgeber die Lebensgeschichte seines Onkels „fast bis zur Fälschung verstümmelt“: Seine Bemerkung über den Umgang mit „Tumultuanten“ ist darin gestrichen, persönliche Details – Liebschaften, Erbstreitigkeiten, Selbstmordgedanken – werden unterdrückt, weil durch ihre Mitteilung „das Bild eines Mannes, das rein und erhaben in der Geschichte dastehe, zerstört werde“.

Doch wenn die Rede auf Helmuth James von Moltke kommt, scheinen auch Olaf Jessen solche Bedenken gekommen zu sein. Oder warum verschweigt er, anders als Thies, dessen voreheliche Affäre mit Daisy von Freyberg, der von den Comedian Harmonists besungenen Miss Germany 1931? Oder die Namen der beiden Spitzel, die Helmuth James von Moltke bei der Gestapo denunzierten und ihn damit an den Galgen brachten? Zwar ist seine – um 100 Seiten umfangreichere – Familiengeschichte der Moltkes breiter und detailreicher angelegt, aber Thies hat in seinen Kontakten und Gesprächen mit der Familie offenbar mehr erfahren als Jessen in seiner beeindruckenden Fleißarbeit. Wer alles genau wissen will, muss beide lesen.

Olaf Jessen: Die Moltkes. Biografie einer Familie. C.H. Beck Verlag, München 2010. 477 Seiten, 22,95 Euro.

Jochen Thies: Die Moltkes. Von Königgrätz nach Kreisau – eine deutsche Familiengeschichte. Piper Verlag, München 2010. 385 Seiten, 22,95 Euro.

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