Kultur : Familienpackungen für Singles

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute um 23.30 Uhr, mit Ingo Schulze, Dieter Wellershoff und Matthias Politycki).

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Ein letzter Sommer"
10) Steve Tesich: Ein letzter Sommer (Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning, Verlag Kein & Aber, 496 S., 22,80 €)

Die Schule ist aus, das richtige Leben fängt noch nicht an – so glauben jedenfalls drei Freunde aus einer High School im Mittelwesten. Am Ende wird einer von ihnen in einem Kassenhäuschen an der Mautstation auf dem Highway sitzen, einer wird die halbe Stadt abfackeln und einer die große Liebe erlebt haben – nur um sie prompt wieder zu verlieren. Im Original vor über zwanzig Jahren erschienen, aber keine Spur von altbacken, erzählt Tesichs wirklich lesenswerter Roman von Anpassung, Rebellion und ersten Leidenschaften.

 Service Online bestellen: "Harry Potter und der Orden des Phönix"
9) J.K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix (Aus dem Englischen von Klaus Fritz, Carlsen Verlag, 1024 S., 28,50 €)

Siehe Platz 1.

 Service Online bestellen: "Hectors Reise"
8) François Lelord: Hectors Reise (Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch, 187 S., 16,90 €)

Medien machen in der Regel aus Mücken Elefanten. Dass es in der Literatur ebenso schlimm sein kann, aus Elefanten Mücken zu machen, beweist Lelord in seiner Erbauungsschrift über einen Psychiater auf der Suche nach dem Glück, wenn er vom Holocaust schreibt und das Überleben eines Kindes auf dessen hübsches Lächeln zurückführt. Was lehrt uns das?, fragt Lelord und gibt sich selbst die Antwort: „Das ist also eine Sache, die alle Kinder wissen müssen, wenn sie überleben wollen: Zu einem lächelnden Kind ist man freundlicher.“ Mag sein. Aber eine Sache, die alle Autoren wissen müssen, wenn sie in der Kritik überleben wollen, ist: Die Verniedlichung des Holocausts zur Propagierung von Allerweltsweisheiten ist vulgär und degoutant.

 Service Online bestellen: "Ein Hauch von Schnee und Asche"
7) Diana Gabaldon: Ein Hauch von Schnee und Asche (Aus dem Amerik. von Barbara Schnell, Blanvalet, 1302 S., 24,90 €)

Dies ist schon der sechste Roman über die Krankenschwester Claire, die von 1945 ins 18. Jahrhundert versetzt wird und dort mehr Herzeleid erlebt als Mutter Beimer in der Lindenstraße. Wie alle Zeitreisegeschichten bereitet auch diese immer dann das größte Vergnügen, wenn das vermeintlich sichere Wissen einer Epoche gegen das der Zukunft ausgespielt wird. Aber auf den 1302 Seiten dieses allzu dicken Schmökers erweist sich Claire nicht einmal, sondern hundertmal als ihrer Mitwelt überlegen, und diese ständige Besserwisserei aus der Zukunft nervt gewaltig.

 Service Online bestellen: "Diabolus"
6) Dan Brown: Diabolus (Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt, Lübbe Verlag, 524 S., 19,90 €)

„Komm endlich zu Potte, Alter!“, höhnt ein Bösewicht in diesem öden Thriller über Supermänner, Supercomputer und ein Supervirus auf Seite 349. Dieser Rat kommt exakt 348 Seiten zu spät.

 Service Online bestellen: "Eisfieber"
5) Ken Follett: Eisfieber (Aus dem Englischen von Till R. Lohmeyer und Christel Rost, Lübbe Verlag, 462 S., 22,90 €)

Noch ein Buch über ein Virus, diesmal aber ein biologisches, eine Abart des Ebola-Killers. Lassen Sie sich von Titel und Aufmachung nicht täuschen: Follett hat diesmal keinen Thriller geschrieben, eher eine seltsame Hybride aus Familien- und Kriminalroman, dicht in der Atmosphäre, aber lahm in der Action.

 Service Online bestellen: "Es geht uns gut"
4) Arno Geiger: Es geht uns gut (Hanser Verlag, 392 S., 21,50 €)

„Am meisten deprimiert ihn, dass er nicht als Österreicher sterben wird“, heißt es auf Seite 84 über eine der Hauptfiguren dieser drei Generationen umspannenden Familiensaga. Weil Geiger das Kunststück gelingt, einem solche Sorgen plausibel zu machen, hat er sehr zu Recht den erstmals in diesem Jahr verliehenen Deutschen Buchpreis erhalten. Am Ende dieses kunstvoll erzählten Romans darf man lange darüber nachdenken, warum eine Gesellschaft mit immer mehr Singles nichts so gern liest wie Familienromane.

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3) Dan Brown: Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, Lübbe Verlag, 605 S., 19,90 €)

Jesus war verheiratet mit Maria Magdalena, der heilige Gral sind seine Kinder und Nachfahren, die Merowinger, von denen es bis heute welche gibt, und Leonardo da Vinci hat das alles gewusst! Selten wurde ein so sensationell spannendes Buch mit einem so sensationell schwachsinnigen Plot geschrieben.

 Service Online bestellen: "Die Vermessung der Welt"
2) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt Verlag, 304 S., 19,90 €)

Wir leben im Zeitalter des Biografismus. Eine als Komödie inszenierte Doppelbiografie bietet Daniel Kehlmann in seinem glänzend gebauten Roman um einen notorischen Stubenhocker und einen wie von Furien gehetzten Weltreisenden: den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. Kehlmann schildert ein Zusammentreffen dieser beiden großen Aufklärer zu Anfang des 19. Jahrhundert – und erzählt dabei mit überraschend viel Humor vom Preis des Wissens, von zwei Arten des Zugriffs auf die Wirklichkeit und vom Unterschied zwischen Aufklärung und Desillusionierung.

Service Online bestellen: "Harry Potter und der Halbblutprinz"
1) J. K. Rowling: Harry Potter und der Halbblut-Prinz (Aus dem Engl. von Klaus Fritz, Carlsen Verlag, 656 S., 22,50 €) und im Rückgriff auf Platz 9: Harry Potter und der Orden des Phönix.

Der neue, der sechste Harry Potter ist besser als sein Vorgänger „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Man kommt sich ja schon vor wie die „Maulende Myrte“, wenn man Einwände gegen den im Ganzen imponierenden, im Detail liebevollst ausimaginierten Romanzyklus Rowlings erhebt. Eines sei aus narzisstischer Kränkung jedoch angemerkt: Einer so versierten Jugendbuchautorin sollte es nicht unterlaufen, dass die Dicken stets die Dummen sind. Eine Petitesse, gewiss. Aber wenn Sie in jedem Potter-Roman spaßeshalber einfach mal statt dick blind, schwul oder schwarz lesen – oder besser noch: blind, schwul und schwarz –, werden Sie verstehen, was einen an solchen Stereotypen stören kann. Andererseits: Darf man denn jetzt nicht mal mehr in der Literatur seine Vorurteile ungestört ausleben?

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