Kultur : Familienpolitik: Knick in der Küche

Veronika Rall

Wieder einmal sorgt die Judikative in Deutschland für Politik, und es entsteht eine längst fällige öffentliche Debatte. Aufgrund zweier Urteile des Bundesverfassungsgerichts sind die Kinder als Renten- und Pflegeversicherungszahler von morgen zum Thema geworden. Die Familie als benachteiligte Wirtschafts- und Leistungsgemeinschaft ist bis auf die Titelseiten der Printmedien und in die Talkshowrunden des Fernsehens vorgedrungen. Aus dem Blick fallen aber sowohl beim judikativen als auch beim medialen Diskurs diejenigen, die in Deutschland immer noch den Löwenanteil an der Erziehung, Versorgung und Bildung der Stillkinder, der potenziell schlecht Ausgebildeten, der künftigen Steuerzahler leisten: die Mütter. Wie ist es um Mutterschaft in der neudeutschen Republik bestellt? Unter welchen Bedingungen wird eine Frau Mutter? Was tut der Staat, um ihr diesen Job zu erleichtern? Was hat der Feminismus zur öffentlichen Debatte beigetragen?

Wenn die Romanistin Barbara Vinken so vehement wie ironisch, so stilsicher wie ambitioniert von der Existenz und dem "Sonderweg" der "Deutschen Mutter" berichtet, füllt sie nicht zum ersten Mal ein deutsches Diskursvakuum. Schon 1991 hat sie mit dem Band "Dekonstruktiver Feminismus: Literaturwissenschaft in Amerika" Maßstäbe gesetzt, heute tut sie es wieder. "Ein einziges politisches Buch darf man sich leisten," befindet sie spöttisch. Geschrieben hat sie es aus Betroffenheit und einer existenziellen Angst: hier in Deutschland als Mutter ihren Beruf als Akademikerin nicht ausüben zu können, zu dürfen.

Barbara Vinken ist heute Professorin an einer deutschen Universität und Mutter eines Kindes von viereinhalb Jahren, sie hat die erste Hürde geschafft und es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie ihre Gefühle und Bedenken nicht verschweigt, sondern, wie ein Feuilleton befand, "für Krawall sorgt". Und der entsteht durch eine bloße statistische Aufrechnung des Status quo: In Deutschland arbeiten knapp 50 Prozent aller Mütter von Kindern im Vorschulalter, und nur 10 Prozent davon sind Vollzeitjobs. Allen Richtlinien zur beruflichen Förderung von Frauen zum Trotz hat sich ihr Anteil auch in Bundesbehörden kaum erhöht.

Mütter sind etwas Privates

Frauen, so konstatiert Vinken, machen keine Karriere, und schon gar nicht, wenn sie Mutter sind. Nicht zuletzt die Politik sorgt dafür, dass Mütter den Ausstieg aus dem Berufsleben favorisieren: Staatlich zugewiesenes Erziehungsgeld und die Verpflichtung des männlichen Familienernährers tun das ihre. Müttern, so Vinkens Fazit, wird in klassischen bürgerlichen Verhältnissen geboten, den Raum der gesellschaftlichen Produktion zu verlassen und in die private Reproduktion zu investieren - finanzielle Abhängigkeiten und Altersarmut sind programmiert. Warum zum Teufel tun sie das? Warum stimmt die deutsche Mutter diesem Programm zu, statt lauthals Alternativen zu fordern, die sie in einer finanziellen Unabhängigkeit unterstützten, fragt Vinken.

Als Literaturwissenschaftlerin landet sie notgedrungen beim gesellschaftlichen Imaginären und dem Symbolischen der Mutterschaft in Deutschland. Die ist spätestens seit Luther heroisch besetzt. Pestalozzi, der Königin-Luise-Kult und schließlich der Nationalsozialismus haben das ihre besorgt, sei es aus "volksgesundheitlichen", antirevolutionären oder pädagogischen Motiven.

Mit diesen Erklärungsmustern kommt Vinken allerdings so weit wie die Dinosaurierforschung: Sie mögen zwar das Aussterben einer Gattung, nicht aber das Überleben der anderen zu rechtfertigen. Warum ist es in Frankreich, den USA, in Dänemark, in Finnland, in Schweden und Norwegen besser um die Mutterschaft bestellt? Manche Ungenauigkeit, manche Thesenhaftigkeit ist ihrem so virulenten wie engagiertem Buch nachzuweisen, sogar den subjektiven Blickwinkel (der einer bürgerlich-etablierten, verheirateten Mutter, die sich gelegentlich dazu versteigt, die alleinerziehende Mutter zu beneiden) muss man ihm ankreiden.

Erotik, gugu und dada

Auch das Fazit "Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen für alle" fällt zu knapp aus. Warum bei aller imaginären und symbolischen Wertschätzung keine reale, sprich finanzielle Anerkennung des 24-Stunden-, des Sieben-Tage-die-Woche-Jobs Mutter? Warum keine grundsätzliche Aufrechnung der Kinderbetreuungskosten gegen das Einkommen der Eltern (bildet sie doch die Voraussetzung für die Erwerbstätigkeit der Mutter), oder einer steuerlichen Absetzbarkeit der Kinderkosten? Wie ist es andererseits um die Honorierung der staatlichen Erzieher bestellt?

Es gibt an diesem Buch vieles zu bekritteln. Doch es gibt weitaus triftiger Gründe, die Autorin zu diesem Buch zu beglückwünschen: Anders als in den judikativen und medialen Diskursen spricht hier eine Mutter, sie interessiert sich nicht für die Rentenversicherungszahler oder die Informatikexperten von morgen, sondern ganz häretisch für sich selbst im Heute. Warum, so fragt sie polemisch, wechseln Frauen, die Kinder bekommen, in der Bundesrepublik den Seinszustand und verwandeln sich von erotischen, interessierten, sozialen und politischen Subjekten in ernährende, umsorgende, strickende, bastelnde, gugu und dada sagende Mütter? Muss das sein?

Vinkens Polemik ist bewusst nicht im Passiv, sondern im Aktiv formuliert, denn ihr neues Müttermanifest entbehrt jeglicher Larmoyanz. "Die berufstätige, gleichberechtigte Frau mit Kind ist ein Schreckgespenst vor allem auch für Frauen, weil sie zeigt, dass es doch geht und die Ohnmacht keine objektive Gegebenheit ist." Frauen tragen nicht nur einen Löwenanteil an der Erziehung, sie sind auch selber daran schuld, dass es so ist.

"330 Seiten Text rechtfertigt das Fazit nicht," befindet eine deutsche Rezensentin. Das Gegenteil ist der Fall. Mama wünscht sich ausdrücklich mehr Text, heterogene Stimmen, die laut werden und einen möglicherweise dissonanten Kanon zum Thema anstimmen. Barbara Vinkens Abrechnung mit dem Mythos ist nichts anderes als ein Anfang. Aber gerade weil es so ist, sei "Die deutsche Mutter" nicht nur sämtlichen Bundestagsabgeordneten als Pflichtlektüre verordnet, die demnächst über die Unterstützung der Familie verhandeln werden. Auch Mütter und solche, die es noch werden wollen, sollten, anstelle zur unüberschaubaren und beliebigen Ratgeberliteratur zu greifen, dieses eine politischen Buch wählen. Damit sie wissen, was sie erwartet, wenn sie erwarten.

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