Kultur : Familienstudie: Generation Papa

Carsten Germis

Familienministerin Christine Bergmann (SPD) spricht bereits davon, dass sich in Deutschland ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen habe. Männer, sagt sie, haben heute ein ganz anderes Rollenbild als früher. "Männer wollen sich aktiv an der Betreuung und Erziehung von Kindern beteiligen und die Entwicklung der Kleinen bewusst erleben", sagt sie: "Sie wollen nicht den Wochenend-Vater abgeben, der sich nur auf das Geldverdienen konzentriert." Ist das wirklich so? Schließlich räumt auch Bergmann ein, dass gerade mal knapp zwei Prozent der Väter bereit sind, die Erziehungszeit für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen.

Bergmann sieht darin keinen Widerspruch. Die Väter wollen sich mehr um ihre Kinder kümmern, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Noch immer schadet es der Karriere im Beruf, wenn ein Vater seine Elternzeit nutzt. Und noch immer sind es meistens die Väter, die mehr verdienen. Hören sie auf zu arbeiten, fehlt den Familien das dringend benötigte Geld. Und doch: "Die neue Vätergeneration, sie ist nicht nur ein Wunsch, wir haben sie tatsächlich", sagt die Familienministerin. Eine Bestätigung für ihre These bekam Christine Bergmann jetzt von einem Gutachten über "die Rolle des Vaters in der Familie", das sie am Montag in Berlin vorstellte.

Kernaussage des 325 Seiten dicken Gutachtens, das Wassilios E. Fthenakis und Beate Minsel vom Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik erstellt haben, ist die These der Ministerin. Es ist "die erste empirische, repräsentative Studie über die Rolle des Vaters in der Bundesrepublik", berichtete Fthenakis. Und diese Studie belegt, dass sich in Deutschland eine neue soziale Norm etabliert, was Vaterschaft betrifft. Fthenakis und Minsel haben dazu in den vergangenen drei Jahren kinderlose Paare; Paare, die das erste Kind erwarten; Familien mit einem Kleinkind und Familien mit einem jugendlichen Kind befragt.

Karriere wollen beide machen

Das Verständnis der Männer von ihrer Vaterrolle sieht überall ähnlich aus: Es sieht sich nur noch ein Drittel der Väter von schulpflichtigen Kindern vorrangig in der Rolle des "Ernährers der Familien". Über zwei Drittel der Väter sehen sich als "Erzieher ihrer Kinder". Und weil die Selbstsicht von Betroffenen gelegentlich von der Wirklichkeit abweicht, haben die Wissenschaftler die Frauen ebenfalls nach der Sicht der Väter befragt - und sie von den Partnerinnen bestätigt bekommen. Bei den befragten kinderlosen Paaren gaben 20 Prozent der Männer und Frauen an, sie wollten entweder keine Kinder oder seien noch unentschieden. 80 Prozent wünschten sich Kinder. 71 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen wünschten sich den "Vater als Erzieher" als Konzeption für die Vaterschaft. 29 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen sprachen sich dagegen für das eher traditionelle Bild des "Vaters als Ernährer" aus. Interessant dabei: "Ein Karriereverzicht zugunsten des Kindes wird sowohl von Männern als auch von Frauen überwiegend abgelehnt.

Der Schreck kommt mit der Praxis

Wie stellen sich die Kinderlosen die Erziehung ihrer Kinder vor? Jenseits der alten Rollenbilder und einem emanzipatorischen Ansatz, der alle Aufgaben zu genau 50 Prozent auf Mann und Frau aufteilt, setzen sie auf einen "dritten Weg", wie Fthenakis sagte. "Sie stellen sich vor, dass 69 Prozent alle babybezogenen Aufgaben von den Eltern zu gleichen Teilen übernommen werden sollen, 28 Prozent der Aufgaben von der Mutter und drei Prozent vom Vater. Das ändert sich auch nicht, wenn das erste Kind kommt.

Der Schreck kommt mit der Praxis. "Beim Übergang zur Elternschaft tritt eine Traditionalisierung ein", stellten Fthenakis und Minsel fest. Die Paare "kommen in Turbulenzen, wenn das erste Kind zur Welt kommt", sagt Fthenakis. Bei den Aufgaben im Haushalt nimmt die gleichmäßige Partizipation deutlich ab und die Frau übernimmt immer mehr Arbeiten allein. "Tatsächlich übernimmt die Mutter mehr als die Hälfte der Aufgabe." Oft ist Streit die Folge, und oft flüchten sich Väter in die traditionelle Rolle des Ernährers der Familie.

Nach der Einschulung verschiebt sich die Aufgabenteilung der Studie zufolge noch etwas mehr in die traditionelle Richtung. Oft führt das "zu Unzufriedenheit mit der Aufgabenteilung selbst und auch zu einer Verschlechterung der Partnerschaftsqualität", stellten die Wissenschaftler fest. Die Studie zeige aber auch, dass Väter vor allem dann Familie und Beruf gut vereinbaren, wenn ihre Partnerinnen ebenfalls berufstätig sind. Wenn Frauen Verständnis für die beruflichen Belange der Männer aufbringen und sie auch bei Vorgesetzten und Kollegen auf Verständnis stoßen, engagieren sie sich auch stärker in der Familie und für ihre Kinder.

Sind die Kinder in der Pubertät schätzen sie übrigens vor allem Väter, die viel Verständnis für sie aufbringen und sie wenig kontrollieren. "Jugendliche, deren Väter öfter strafen oder deren Eltern sich häufig streiten, sprechen über wichtige Themen lieber mit ihren Freunden", sagt die Studie.

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