Kultur : Familienstudie: Unser Atem - Von den Erfahrungen eines Vaters

Bernd Ulrich

Manch einer mag das nicht glauben, aber: Jeder Mann ist anders. Darum sind auch die Gründe unterschiedlich, warum ein Vater in den Erziehungsurlaub geht oder auch nicht.

Bei mir waren drei Motive Ausschlag gebend. Zum einen musste ich mich in jenen Jahren von einem Hilfspolitiker zu einem Journalisten verwandeln. Und das geht, wenn man so tief dringesteckt hat wie ich in den Jahren zwischen 1988 und 1990, nicht, ohne "kalt zu duschen" - so lange bis alles Parteipolitische abgespült war. Für diesen Prozess eignen sich die Stunden und Stunden und Stunden im Kinderzimmer oder im Sandkasten ziemlich gut. Zum zweiten hat meine Frau besser verdient, weil sie gleich einen ordentlichen Beruf erlernt hat. Zum Dritten dachte ich: Das könnte doch interessant sein. Man muss vielleicht dazu sagen, dass ich zu der Zeit Lebensexperimenten gegenüber sehr aufgeschlossen war. Zehn Jahre WG hatte ich hinter mir, sollte jetzt schon die ganz normale Familie kommen, mit ganz konventioneller Arbeitsteilung?

Interessant war es dann auch. Ich habe gelernt, dass es nicht viel bringt, mit anderen Müttern zusammen im Kreis zu sitzen und dabei zuzugucken wie die lieben Kleinen einander krabbelnd ins Gesicht treten. Zumal in den Gesprächen von uns Müttern immer so eine merkwürdige Sorgenorientierung entstand: "Was, Deins hat auch diese Pickel?" "Ja, aber nur morgens." "Was, Du kochst die Fläschchen nicht ab?" Und so fort. Das war eine der wichtigsten Lektionen: Raus aus den elterlichen Quengelstrukturen.

Und wie ging es dem Kind dabei. Teils, teils. Zunächst einmal hat es sich aus Protest gegen die abwesende Mutter selbst abgestillt, weshalb man sich vielleicht überlegen sollte, ob das erste Jahr das beste ist für den väterlichen Erziehungsurlaub. Sonst hat es der Kleinen wohl gefallen, weil ich mit der Zeit auch lernte, was ihre Zeichen bedeuteten, wie ich mich in Geduld fasse, wie ich sie locke und wie ich arbeitsfähig bleibe, ohne sonderlich viel geschlafen zu haben. Ja, und dann diese Art mit dem Kind zu atmen, zu leben, zu verdauen, zu lachen. Man kann das nicht leicht beschreiben, es ist eine Art Symbiose, jedenfalls, es ist schon recht schön, und mit nichts anderem zu vergleichen.

Und für die Vereinbarkeit von Kind und Beruf, vulgo: für die Karriere, was hat es da gebracht? Formal gesehen bedeutet es eine verspätete Karriere, so wie der Rollentausch nach anderthalb Jahren für meine Frau eine abgeflachte Karriere bedeutet. Aber was soll das heißen? Wären wir ohne das, was wir mit den Kindern erleben, zufriedener, gesünder, reicher, erfolgreicher? Das ist schwerer zu sagen, als man im ersten Moment denkt. Man lernt doch einiges. Oder, sagen wir es mal so: Wer drei Jahre Grüne, zehn Jahre WGs und einige Jahre Kinder wirklich durchlebt hat, der ist menschlich nicht mehr leicht zu überraschen. Karriere würde ich das nicht nennen. Beruflich wenig Angst haben zu müssen - dafür passt ein anderes Wort vielleicht besser, Freiheit.

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