Kultur : Familientragödie und selbstbewußter Ladenhüter

MEIKE MATTHES

"Feuergesicht" von Marius von Mayenburg und "Herr Krampas: Auftauchend" beim Berliner StückemarktVON MEIKE MATTHESGanz zuletzt gab es dann endlich ein Gewitter, aber auch das war nur ein Niederschlag von Worten, das letzte kühle Tröpfeln eines sich (und uns) erschöpfenden Sprachergusses: "Sie gehen und Sie erinnern sich an Bilder, es bleibt Ihnen nichts als die atembare Luft übrig, im Köstlichen sanft bewegten Winds", raunt uns der Autor Steffen Kopetzky zu, am Ende seiner schweißtreibenden Suada, die in den flirrenden Luftspiegelungen eines überhitzten Bewußtseins schwelgt.Auch am Tag zuvor war den Zuhörern, die sich in der stickigen Treibhausatmosphäre der Baracke des Deutschen Theaters zum Stückemarkt eingefunden hatten, kräftig eingeheizt worden."Feuergesicht", das Stück des 1972 in München geborenen Dramatikers Marius von Mayenburg, entwickelt in der apodiktischen Sprache einer bis zum Zerbersten gespannten Realitätserfahrung die Pathogenese einer Familientragödie.Erzählt wird die Geschichte von zwei Halbwüchsigen, zwei Geschwistern, die weder Kinder bleiben wollen noch erwachsen werden können, die zwischen Anpassung und Verweigerung, zwischen Selbstverzicht und Selbstzerstörung ihren Platz in der von ihren Eltern geprägten Welt nicht finden.Sie ziehen sich zurück in ihr inneres Exil und zelebrieren im Inzest ihre verzweifelt zur Schau gestellte Unabhängigkeit, die doch nichts als Einsamkeit ist - ein Autismus, der sich entladen, sich gewaltsam Luft machen muß, um nicht an sich selbst zu ersticken: "Einzeln werden, sich rauskappen aus den Verbindungen und alles dicht machen, alles dicht und eng gepackt." So, durch komprimierte Seelennot, entstehen menschliche Sprengkörper.In der von Thomas Ostermeier eingerichteten Lesung mit Peter Simonischek, Gudrun Ritter, Petra Hartung, André Szymanski und Kay Schulze trat der Zündstoff dieses starken Stückes klar zu Tage: Das in der Sprache lodernde Unheil, der sarkastisch knisternde schwarze Witz, aber auch die aschgrau vor sich hinkokelnde Alltäglichkeit.Wunderbares Spielmaterial ist das.Da greifen die Theater gerne zu: "Feuergesicht" soll in der nächsten Spielzeit an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt werden, und auch der Baracken-Chef will den furiosen Pubertätsthriller demnächst inszenieren, nicht in Berlin, sondern im Hamburger Schauspielhaus.Steffen Kopetzkys mysteriöses Monologdrama "Herr Krampas: Auftauchend" wird dagegen eher das Dasein eines sehr selbstbewußten Ladenhüters fristen.Das dürfte den Autor kaum verwundern, verweigert er dem Theater doch alles, was es zur Anstachelung und Befriedigung seines Spieltriebs braucht.Und so wäre es auch völlig verfehlt, zu behaupten, Kopetzkys "teicho-skopische Komödie" handle von einem Mann, der in seinem Briefkasten einen Schlüssel findet, welcher ihm den Zutritt verschafft zu einem fremden Haus, wo er einen Mann trifft, der Leber mit Bohnen ißt, der sich dann aber in einen aufgebahrten Leichnam verwandelt, welcher schließlich eine wundersame Wiederauferstehung als schneckenzüchtender Gärtner erlebt.Nein, dieses subtile Gedankenspiel um den notorisch abwesenden Herrn Krampas handelt von nichts, von wirklich gar nichts, und das mit voller Absicht.Das Nichthandeln, die vollkommene Ereignislosigkeit, ist sein Konzept.Ein reines Hirngespinst, was hier drei ominöse Sprecherfiguren unter Auslotung aller zerebralen Hinterhalte und Unterbewußtseinsebenen entfalten.Peter Fitz, Sophie Rois und Gerd Wameling gewannen diesen von akuter Logorrhoe befallenen "göttlichen Stimmen" eine große Überredungskunst ab, die hohe Ansprüche an die Vorstellungkraft der Zuschauer stellte.Steffen Kopetzky, 1971 in Pfaffenhofen geboren und wie Marius von Mayenburg in Berlin lebend, hat sich bislang vor allem als Romancier, Lyriker, Essayist und Hörspielautor hervorgetan.Sein hochintelligentes Imaginations-Spiel attackiert die Forderung des Theaters nach Darstellbarkeit und den damit verbundenen hermetischen Realitätsbegriff.Ob aber eine radikal vergeistigte Schneckenhausprosa wie diese einen sinnlichen Zugang zu neuen Wirklichkeiten eröffnen kann, bleibt zu bezweifeln.

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