Familientrip nach Auschwitz : Die Hölle, von Menschen gemacht

Philip Meinhold stammt aus einer Familie, in der es Profiteure und Opfer des NS-Systems gab. Kurz nach ihrem 70. Geburtstag wünscht sich seine Mutter eine Reise nach Auschwitz. Meinholds Buch "Erben der Erinnerung" erzählt von diesem Familientrip.

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Wo alle Hoffnung endete: das Lager von Auschwitz. Foto: dpa
Wo alle Hoffnung endete: das Lager von Auschwitz.Foto: dpa

Lass uns nicht im November fahren, bittet die Schwester. Wieso? Da ist es zu trist. Aber soll es denn fröhlich sein?, fragt sich der Erzähler. Kurz nach dem 70. Geburtstag hat sich ihre Mutter eine seltsame Reise gewünscht. Sie möchte mit ihren drei Kindern und den großen Enkeln nach Auschwitz fahren. Fröhlich wird dieser Ausflug nicht, schließlich sind die Reisenden nicht zum Vergnügen unterwegs. Es geht um die Familiengeschichte, darum, in Auschwitz vielleicht Antworten zu bekommen, Spuren der Vergangenheit zu finden.

Die Großmutter der Mutter war als Jüdin nach Theresienstadt deportiert worden, ihr Sohn und dessen Frau, „Onkel Günther“ und „Tante Margot“, kamen nach Auschwitz, in die menschengemachte Hölle auf Erden. Alle haben den Krieg überlebt, die Großmutter wohl deshalb, weil sie in der Küche arbeitete, wo es warm war und Essen gab. Beschädigt für den Rest ihrer Tage waren sie trotzdem.

In seinem Buch „Erben der Erinnerung“ referiert der Berliner Schriftsteller Philip Meinhold eine Geschichte, die in der Generation seiner Urgroßeltern und Großeltern spielt. Aber vor allem erzählt er vom Heute und davon, was die Vergangenheit mit diesem Heute anrichtet. Zu seinen Vorfahren gehören Verfolgte wie Profiteure und Mitläufer des NS-Regimes, sein Großvater väterlicherseits war Radrennweltmeister im Steherrennen, dessen Unfalltod 1943 in den Radionachrichten gemeldet wurde. Victor Klemperer erkannte im Rennfahrer den Prototypen des NS-Helden mit „starrem Blick“, in dem sich „Eroberungswille“ ausdrücke.

Wo sieht Meinhold sich selber, eher bei den Opfern oder den Tätern? Er ist evangelisch, nicht jüdisch, und rechnet sich der Täter-Seite zu. Aber die Schwester, die sich als Nachfahrin von Opfern versteht, sagt: „Du bist ein Achteljude.“ Einmal nahm Meinhold einen Judenstern seiner Urgroßmutter zum Geschichtsunterricht in die Schule mit. Er erinnert sich an den Stolz auf diesen Stern und daran, dass er sich für diesen Stolz schämte. „Der Stern statt als Stigma als Orden.“

Meinhold mischt Erzählung und Essay, mühelos demonstriert er, dass das Vergangene noch längst nicht vorbei ist. Immer wieder verweist er auf W.G. Sebald, wohl sein literarisches Vorbild, Primo Levi und Ruth Klüger. Mitunter hangelt er sich etwas zu sehr an Zitaten entlang. Nachdem Tante Margot zurückgekehrt war, sagte sie ihrer Mutter: „Ich werde dir jetzt alles ein Mal erzählen, danach möchte ich nie mehr darüber sprechen.“ Sie wurde krank, litt an ihrem „dummen Kopf“. Aber sie schwieg. Ein nicht untypisches Verhalten, das Nicht-darüber-Reden kann Ängste und Depressionen auch an Kinder und Enkel weitergeben.

In Auschwitz besuchen Meinhold und seine Familie den Todesblock, die Baracken, die einzig erhaltene Gaskammer. Sie sehen die Berge aus Schuhen und riechen den Geruch der hinter Glas verwahrten Haare, der seit 70 Jahren in der Luft liegt. Nur emotional berührt sind sie kaum. Dass man dort erschüttert sein müsse, sei, so Meinhold, „ein Missverständnis“. Denn Auschwitz ist heute ein Museum, ein Ort der Wissensvermittlung. Und ein Beweis.

Philip Meinhold: Erben der Erinnerung. 192 Seiten, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 14 €. 

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